28. November 2004
Philharmonie

Naganos Opernader

Das DSO spielt Werke vom Anfang des 20. Jahrhunderts

Programm

Claude Debussy
Jeux

Arnold Schönberg
Variationen für Orchester op. 31

Maurice Ravel
Shéhérazade für Sopran und Orchester

Alban Berg
Aus Sieben frühe Lieder

Claude Debussy
La Mer

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent

Susan Graham - Mezzosopran

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Naganos Opernader

Das DSO spielt Werke vom Anfang des 20. Jahrhunderts

von Nancy Chapple

Kent Nagano dirigierte sein Deutsche Sinfonie-Orchester in einem ehrgeizigen und ansprechenden Programm von Schönberg, Ravel, Debussy und Berg mit Werken, die sämtlich zwischen 1904 und 1928 komponiert wurden. Für manch anderen Dirigenten wäre das Programm eine große Herausforderung gewesen, da die Werke praktisch keine Wiederholungen enthalten und der Takt eher flexibel und biegsam zu gestalten als stur durchzuschlagen ist. Aber die Programmierung entsprach Naganos wachsamer Opernader, und es wurde ein spannender und differenzierter Konzertabend. Wie Habakuk Traber, der eine Biographie des Dirigenten geschrieben hat, Klassik-in-Berlin sagte: "Nagano hat eine unglaubliche Fähigkeit, sehr komplexe Partiturverhältnisse gut zu organisieren. Das schafft nur einer, bei dem Theaterblut fließt."

Susan Graham

Debussys Jeux, die Geschichte eines Dreieck-Flirts, war feingliedrig und die vielen Tempi wirkten integer und überzeugend. Von Schönberg zu schwärmen fällt nicht leicht - eine anerkannte Größe sicherlich, aber spricht einen die Musik direkt an, macht es Spaß ihr zu lauschen? Bei Naganos Interpretation der Variationen Op. 31 auf jeden Fall. Kurze Motive reihten sich zu größeren Höhepunkten, durchaus in der klassischen Tradition. Das Orchester spielte präzise und fein, die Instrumentierung wurde einfühlsam umgesetzt.

Ravels Shéhérezade besteht aus drei Liedern mit Mezzosopran, meistervoll vorgetragen von Susan Graham. Die Texte reflektieren die Welt des Märchen-Orients, die Instrumentation ist stimmungsvoll und farbenfroh. Im ersten öffnet sich ein Tor zur Pentatonik mit den Worten "et puis la Chine"; der ganze Orchesterklang windet sich dezent um ihre Stimme. Das zweite Lied beschreibt eine verzauberte Flöte, die abwechselnd traurig und freudevoll spielt, überzeugend dargestellt von der ersten Flötistin des Orchesters. Und L'indifférent handelt von der Sehnsucht nach einem Geliebten, den man nicht haben kann.

Eine Preisverleihung kann eine steife Angelegenheit sein, aber Ernst Elitz, Intendant des DeutschlandRadios Berlin, nahm den Anlass der Übergabe des Schönberg-Preises an Jörg Widmann, um die "bedrohliche Lage der Kultur in Deutschland" unter dem Applaus des Publikums anzuprangern. Widmann selbst ergänzte in seiner kurzen Danksagung, in der er das Vorbild Arnold Schönberg als "das Neue auf Tradition fußend" lobte, dass bereits die Zusammenlegung von Orchestern eine große Bedrohung sei - wehret den Anfängen! Der Preis - 12.500 Euro und ein Fellow-Aufenthalt im Wissenschaftskolleg Berlin - kann keine Überraschung gewesen sein, aber trotzdem sprach Widmann mit einer atemlosen, unvermittelten Begeisterung, insbesondere von seiner tiefen musikalischen Freundschaft mit dem DSO.

Drei von Alban Bergs Sieben Frühe Lieder, ein weiteres Werk für Mezzosopran und Orchester, eröffneten die zweite Hälfte. Im neuen Kleid ließ Graham uns noch mehr als bei Ravel die Kraft ihrer Stimme spüren. Traumgekrönt endet wie Filmmusik - eine helle, "optimistische" Kadenz, die von innen leuchtet. Sommertage bot uns eine überbordende Sinnlichkeit. Graham wurde vom Publikum gleich dreimal wieder auf die Bühne gerufen.

Das Orchester klang überall ausgezeichnet und ihre Freude am reinen Spielen konnte man regelrecht spüren. Gerade im letzten Stück, Debussys La Mer, hatten die Musiker die Gelegenheit, noch mehr auszuspielen, sich nicht nur durch filigrane Stellen zu tasten sondern mit dynamischen Schwung voranzupreschen.

Am Rande bemerkt: Ein DSO-Konzert ist immer wieder ein anderes Erlebnis als ein Abend mit den Berliner Philharmonikern: erfrischend, die vielen weiblichen Orchestermitglieder, und interessant, das wesentlich jüngere und weniger steife Publikum.



©www.klassik-in-berlin.de