26. Juni 2004
Philharmonie

Ein Abschied ohne Tränen

Das DSO verabschiedet sich in die Sommerpause und seinen 1. Konzertmeister in den Ruhestand

Programm

Wilhelm Killmayer
Orchester-Melodien Uraufführung

Max Bruch
»Schottische Fantasie« für Violine und Orchester Es-Dur op. 46

Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur op. 61

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent

Hans Maile - Violine

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Ein Abschied ohne Tränen

Das DSO verabschiedet sich in die Sommerpause und seinen 1. Konzertmeister in den Ruhestand

von Ingo Bathow

Der schönste Abschied - das war zu spüren beim Saison-Abschlusskonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie - macht alle Wehmut vergessen, weckt die Hoffnung auf Wiederbegegnung in alter Frische. Kent Nagano entließ den Ersten Konzertmeister Hans Maile mit dieser Aufführung in den Ruhestand - aber in solch exzellenter spielerischer Kondition, dass man ganz sicher noch nicht die letzte Note von diesem Virtuosen gehört hat. Und Münchens legendärer Tonschöpfer Wilhelm Killmayer elektrisierte, überraschte, machte lächeln durch gar nicht so hintergründigen Humor in seinem neuen, quicklebendigen Auftragswerk Orchester-Melodien.

Überraschend hatte Nagano die Killmayer-Uraufführung vorgezogen und an die Spitze des Abendprogramms gestellt. Beinahe in eine Märchenwelt entführte die liedhafte Eingangsmelodie in C-Dur, von Bläsern umspielt wie ein Natur-Idyll. Folgerichtig - und für die Hörer nicht ohne Ironie - dienten Stilmittel der Haydn-Zeit für die Schilderung des musikalischen Paradieses. Wäre nun etwa Richard Strauss nach dem Märchenthema zur fast greifbaren Schilderung einer Eulenspiegelei übergegangen, so schöpfte Killmayer in den folgenden Sätzen den Humor und die fast übermütige Lebendigkeit aus der gar nicht respektvollen Behandlung des eigenen Themas.

Liebevoll brach Killmayer die einzelnen Abschnitte seines Themas zu einem Spektrum aus flimmernden Klangfarben, lenkte dabei die Aufmerksamkeit eher weg von der Einheit des Ganzen: Das spektrale Wechselspiel der Registerfarben kontrastierte nämlich Erhabenes, den Gesang der Harfe, der Oboe oder der Streicher, mit gewollt urwüchsigen Lauten wie schrägem Trompetengeschmetter, Posaunenglissandi oder dem "unanständigen", Winde ablassenden Kontrafagott. Selbst für unbedarfte Ohren ein Gaudium, genau wie das Spiel mit den synkopierten hüpfenden Rhythmen im nächsten Satz und dem hohen und tiefen Intervallsprüngen im vierten. Für Ästheten dann die Insel der Ruhe mit dem "Choral" - ein harmonisches Gefüge, welches die fehlende Melodie wie ein Abdruck im Sand nur an ihren Spuren "erahnen" lässt. Und im Finale die Humoreske, tautologisch überschrieben "Mit Humor, rasch und leicht, brillant" - eigentlich eine Miniatur, die nach einem kurzen Exkurs in heißen südamerikanischen Tanzrhythmus viel zu schnell wieder vorbeirauscht.

Das kurzweilige Werk machte Appetit auf mehr, schöpfte es doch die dynamischen Möglichkeiten eines großen Symphonieorchesters bei weitem nicht aus, wäre sicher auch im kammermusikalischen Format erfolgreich zu orchestrieren gewesen. Für Nagano wie für den anwesenden Komponisten war es sicher im Sinne von Richard Strauss eine "Handgelenksübung" - mit großartiger Botschaft, wie für Giuseppe Verdis Falstaff: "Tutto nel mondo è burla" ("Alles ist Spaß auf Erden, und wir sind geborene Narren"). Das große Ausrufezeichen am Ende einer brillanten Karriere, davon zeugen Originalität und intensive Kreativität von Killmayers derzeitiger Schaffensphase, ist noch längst nicht geschrieben.

Für die nächsten Minuten legte Kent Nagano den Taktstock nieder, weil er die sinnliche Intensität des folgenden Werkes mit allen zehn Fingern vermitteln und gestalten wollte: Max Bruchs Schottische Fantasie. Wieder entführte das Orchester in eine phantastische Klangwelt, jene nebelige, melancholische der schottischen Sagenwelt, in der sich die Barden der Harfe und der Fiedel bedienten. Und aus dem finsteren Es-Moll stieg zuerst ein klagendes Rezitativ der Violine empor, dann mit Lerchentrillern ein Cantabile, welches mit dichten Saitenklängen das Bild eines im Walde verlassenen Mädchens beschwor: "O Sandy, why leaves thou thy Nelly to mourn?"

Hans Maile, ein phänomenaler Solist, der den riesigen Saal bis in die hintersten Reihen mit unverwechselbarer Sonorität erfüllte, der um der "Geigerei" willen dem Orchester 36 Jahre in höchster Verantwortung am 1. Pult gedient hatte, verabschiedete sich nun wie sein Vorbild Jascha Heifetz mit Bruchs melodienreicher Fantasie. Perfekt und aufnahmereif, mit den Notenblättern vor sich, für den Fall der Fälle. Die tänzerische Energie des zweiten Satzes mit dem Orchester als Bordun war deutlich zu spüren, doch seinen Bewegungen war kaum anzusehen, was beim Hören den Atem raubte - die absolute Reinheit in höchsten Lagen, die rasanten Läufe und Arpeggien im finalen Allegro.

Dass es dennoch keinen Abschied mit Tränen gab, lag daran, dass der scheidende Konzertmeister dem Publikum nicht den intimen letzten Moment einer Zugabe für Violine solo gewährte, den es eifrig herauszuklatschen sich bemühte. Denn der Solist hegte eigene Vorstellungen von einer Zugabe mit Klavierbegleitung, wie er sie vom großen Vorbild Vladimir Ashkenazy in Erinnerung hatte. Zwar ließ sich dies nicht machen. Doch Hans Maile ließ im Programmheft-Interview verlauten, welche künstlerischen Pläne er noch verwirklichen wolle - starke Vorstellungen, die zur Hoffnung auf eine Wiederbegegnung mit dem Virtuosen Anlass geben.

Zum Abschluss konnten Kent Nagano und das DSO gerade mit der einzig "namenlosen" und viel geschmähten 2. Symphonie C-Dur op. 61 von Robert Schumann einen wohlverdienten Triumph feiern. Stets gelang es dem Ensemble, die Instrumentation gewissermaßen aufzuhellen, von aller Schwere der Tongebung zu befreien, gleichzeitig aber auch komplizierte rhythmische und kontrapunktische Strukturen durchsichtig zu gestalten. Indes war das Publikum frei, sich der Tristesse und melancholischen Abwärtschromatik etwa des Kopfsatzes hinzugeben oder das ästhetische Erlebnis weit distanzierter als Bildungsreise durch das Seelenleben des Romantikers - oder aber nach Habakuk Trabers Formulierung, als "Roman in Tönen" - zu genießen. Die "Seelenzustände" Schumanns vermochte der Dirigent zu berücksichtigen, ohne sich in Sentimentalität zu verlieren. Nicht jedes strukturelle "Hut ab vor Bach" war hörbar, aber das Adagio verströmte genau jene sangliche Innigkeit, welche damals zum verklärten Bild des Thomaskantors gehörte. Reizvoll wirkte der Einfluss Mendelssohns auf diese Symphonie, die der Gewandhauskapellmeister selbst zur Uraufführung brachte, nicht nur in der feenhaften Leichtigkeit des Scherzos und in der Rasanz des Finales. Die Interpretation begeisterte das heutige Publikum wie schon die Zeitgenossen, in den Worten Clara Schumanns, "weil ein kühner Schwung, eine tiefe Leidenschaft darin ist, wie in keinem anderen von Roberts Werken."

Wenn der dreifach melodische Abschied Lust macht auf ein Wiederhören des Deutschen Symphonie-Orchesters schon vor der Herbstsaison, so kann die Übertragung dieses Konzerts am 18. Juli 2004 ab 20.03 Uhr gehört werden im DeutschlandRadio Berlin.



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