24. März 2004
Philharmonie

Geigengenuss und ein Original

Hilary Hahn und das DSO spielen Korngold und Bruckner

Programm

Hans Pfitzner
Palestrina, Vorspiele zum ersten und dritten Akt

Erich Wolfgang Korngold
Konzert für Violine und Orchester D-DUr op. 35

Anton Bruckner
Symphonie Nr. 4 Es-Dur (Erste Fassung, 1874)

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent

Hilary Hahn - Violine

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Geigengenuss und ein Original

Hilary Hahn und das DSO spielen Korngold und Bruckner

von Jens Paape

Mit Pfitzners Vorspielen zum ersten und dritten Akt von Palestrina gab uns das DSO eine kurze und ruhige Einstimmung auf diesen theatralischen Konzertabend. Beide Ouvertüren beginnen sanft, aber schnell baut sich eine spannende, fast unheimliche Stimmung auf. Die Musik entwickelt sich aus sich selbst, es gibt keine Brüche, keine dramatischen Höhepunkte. Einzelne Instrumentengruppen stoßen Harmoniewechsel an, andere folgen. Kent Nagano dirigierte zurückhaltend, das Orchester spürte den Verlauf selbst. Am Ende verklang das dritte Vorspiel praktisch unhörbar im Nichts.

Hilary Hahn

Vorschuss-Bravos für eine Solistin sind selten - für Hilary Hahn gab es welche. Die junge amerikanische Geigerin wird weltweit von Publikum und Presse gefeiert, bekam Preise und bereits mit 23 Jahren einen Grammy als beste Solistin mit einem Orchester. Korngolds Violinenkonzert wurde Mitte der 1940er Jahre von Bronislaw Huberman angeregt und ist ein wirkliches Werk für den Solisten. Man sollte annehmen - und Aufnahmen mit anderen Solisten zeigen es - , dass die Geigerin das Geschehen bestimmt, das Stück an sich reißt. Nicht so Hilary Hahn. Sie spielte eher zurückhaltend, fast schüchtern und gab somit bei diesem Werk ganz neue Einblicke in das Zusammenspiel von Solistin und Orchester. Das DSO passte sich dieser Interpretation an, spielte ebenfalls zurückhaltend und auf einer Ebene mit der Solisten: ein lebendiges Wechselspiel. Von allen Geigenvirtuosen der Gegenwart, die ich in den letzten Jahren live erlebt habe, spielt Hilary Hahn wohl am "schönsten". Ihr Ton ist absolut rein und klar, die Doppelgriffe sind unglaublich sauber, der Ton entsteht ansatzlos. Es ist ein wirklicher Genuss ihr zu lauschen. Aber - ja, jetzt kommt ein "aber" - Korngolds Violinenkonzert darf durchaus etwas schmutzig, provokativ, sogar aggressiv gespielt werden. "Blue Notes", Glissandi auf den zu erreichenden Ton, kratzige Bogenführung beleben das Stück und verleihen ihm Schwung. Doch das ist nicht Hahns Welt. Aber dennoch: ein wunderbares Erlebnis und berechtigt langanhaltender Jubel des Publikums. Mit einer kleinen Zugabe aus der d-moll Partita, die Hilary Hahn schlicht mit den Worten "Sarabande, Bach" ankündigte, demonstrierte sie uns noch einmal ihr Können und die Schönheit ihres Spiels.

Von Bruckners 4. Symphonie existieren insgesamt vier Fassungen, von denen wir das Original, die erste Fassung von 1874, zu hören bekamen. Der erste Satz ist energiegeladen. Man spürte bei den ersten Tönen, dass Orchester und Dirigent das Stück mochten. Die Musiker gaben alles, auch physisch sah man ihnen den Einsatz an. Nagano schöpfte das ganze Dynamikspektrum aus: An- und Abschwellen von fast unhörbar bis zum Maximum (ein Sitznachbar meinte nach dem ersten Satz: "Mann, ist das laut"). Aber die Kunst ist es, leise aber nicht undeutlich zu sein und laut zu spielen ohne zu Brüllen - und darin war das DSO an diesem Abend meisterlich. Immer wieder ragten einzelne Stimmen aus dem Gesamtklang heraus, übernahmen kurzzeitig die Führung, um dann wieder in der Masse unterzutauchen oder von anderen abgelöst zu werden. Komposition und Interpretation sind vielseitig, vielschichtig, lebendig und hochinteressant. Der zweite Satz ist wesentlich ruhiger ohne wirklich langsam zu sein. Es passiert viel: dramatische Bratschen oder Celli zu gezupften Geigen oder einzig die Holzbläser zur dezenten Kesselpauke. So hätte es weitergehen dürfen!

Aber dann kam der dritte Satz: Ein einfaches kurzes Hornthema, anschwellende Streicher, erneut das Hornthema, erneut die Streicher. Zwischendurch das gesamte Orchester mit den einzig wirklich schönen Stellen, an denen die Blechbläser das Hornthema aufgriffen. Und dann wieder und wieder Horn-Streicher-Horn-Streicher. Sorry, Herr Bruckner, aber das war einfallslos; es war wohl durchaus gerechtfertigt, diesen Satz in den späteren Bearbeitungen durch ein Scherzo zu ersetzen. Auch Nagano war hilflos bei der Interpretation dieses Satzes. Er versuchte das Hornthema mit leichten Varianten in Phrasierung und Dynamik etwas abwechslungsreicher zu gestalten, aber wo nichts ist, kann man auch nichts herzaubern.

Es dauerte eine Weile, um im vierten Satz wieder das volle Aufmerksamkeitsniveau zu erreichen. Aber dieser Satz hat es dann wieder verdient. Interessant und vielschichtig, sowohl in den Motiven als auch in der Ausgestaltung. Auch das Publikum, im dritten Satz unruhig auf den Sitzen hin- und herrückend, war wieder dabei und brach am Ende nach einigen Sekunden Stille in überwältigenden Applaus aus.

Das Konzert wurde vom RBB aufgezeichnet und wird am 17. April um 20:05 im Kulturradio gesendet.



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