25. April 2004
Staatsoper Unter den Linden

Geistreich und subtil - mit einem Augenzwinkern

Mozarts Così fan tutte in einer modernen Inszenierung von Doris Dörrie

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Così fan tutte

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Inszenierung: Doris Dörrie
Bühnenbild und Kostüme: Christian Sedelmayer
Chöre: Eberhard Friedrich

Fiordiligi: Angela Marambio
Dorabella: Katharina Kammerloher
Despina: Adriane Queiroz
Guglielmo: Hanno Müller-Brachmann
Ferrando: Pavol Breslik
Don Alfonso: Roman Trekel

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor

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Geistreich und subtil - mit einem Augenzwinkern

Mozarts Così fan tutte in einer modernen Inszenierung von Doris Dörrie

Von Nora Mansmann

Liebe, Treue, Betrug - es sind zeitlose Themen, die in Mozarts Oper Così fan tutte nach einem Libretto Lorenzo Da Pontes auf humoristische Weise abgehandelt werden. Sie passen ins 18. Jahrhundert ebenso wie ins Heute, schon Ovid schrieb vor 2000 Jahren in den Metamorphosen eine Geschichte um Treueprobe, Verkleidung und Missverständnisse zwischen Liebenden nieder. Doris Dörrie hat für ihre Inszenierung an der Berliner Staatsoper die Handlung von Mozarts letzter opera buffa in den "Summer of Love" verlegt.

Diese Così beginnt auf einem Flughafen, wo sich in einem Rudel Geschäftsleute Don Alfonso, Guglielmo und Ferrando treffen und ihre Wette abschließen: 100 Zechinen von jedem, wenn Don Alfonso den Männern die Untreue ihrer Liebsten - und damit den Wankelmut des weiblichen Geschlechts an sich - beweisen kann. Alsdann werfen wir einen Blick in das stylische Pop-Art-Haus der Schwestern (Bühne und Kostüme: Christian Sedelmayer) und treffen Fiordiligi und Dorabella beim gepflegten Nichtstun. In Lifestyle-Magazinen blätternd und fernsehend unterhalten sie sich über die Vorzüge ihrer Verlobten, doch diese Idylle bringt Don Alfonso, mit Hilfe der Hippiekammerzofe Despina, schnell aus dem Gleichgewicht. Die Männer müssen "auf's Schlachtfeld", und stürzen sich per Flugzeug in den internationalen Markt, während die Frauen im Garten an Kunstbäumchen herumschnippeln und sich im Orchestergraben-Swimmingpool die Zeit vertreiben.

Die Verlegung der Handlung in die Moderne mit vielfach sehr erhellenden Gegenwartsbezügen geht in allen Punkten auf. Doris Dörrie legt Wert auf Details, und erzählt mit oft nur im Hintergrund stattfindenden, aber sehr genau gearbeiteten Spielvorgängen stets mehrere kleine Parallelgeschichten zur Haupthandlung. Dadurch bekommt selbst noch jeder Statist ein eigenes Rollenprofil und der Zuschauer weiß kaum noch, wo er hingucken soll, um all die herrlich augenzwinkernden Momente aufnehmen zu können. Mit vielen subtilen, geistreichen Andeutungen führt die Regisseurin genau das weiter, was Mozart in seiner Musik schon angelegt hat: Sie hinterfragt, was der Text behauptet. So lässt sich beispielsweise Fiordiligi, während sie in ihrer großen Arie "Come scoglio immoto resto" ihre Standhaftigkeit besingt, mit dem Bild des Verlobten auf der Brust an einen Baum fesseln wie Odysseus an den Mast, um nicht schwach zu werden.

Auch musikalisch ist der Abend eine runde Sache: Der junge Dirigent Philippe Jordan führt die spritzige Staatskapelle energisch und souverän. Angela Marambio (Fiordiligi) und Katharina Kammerloher (Dorabella) begeistern als ungleiche Schwestern, Adriane Queiroz würzt die Rolle der Despina mit viel komödiantischem Talent. Bei den Herren kann Hanno Müller-Brachmann (Guglielmo) mit vollem Bariton etwas mehr überzeugen als Pavol Breslik (Ferrando), dessen Stimme noch an Geschmeidigkeit zulegen könnte, der aber sonst seine Rolle sehr gut meistert. Herrlich ist auch Roman Trekel als zynisch-sarkastischer Don Alfonso, der ganz offensichtlich alle Fäden in den Händen hat und sogar den romantischen Glühwürmchenregen per Fernsteuerung erscheinen lässt. Alle Darsteller spielen mit großem Körpereinsatz, viel Engagement und schauspielerischen Können - und offenbar auch mit sehr viel Spaß.

Als die beiden Männer als Hippies verkleidet zurückkehren ("Sind das Walachen oder Türken?") und sich wenig später der Chor als Horde von Blumenkindern strickend, kiffend und knutschend in Haus und Garten breit macht, dann ist das nicht nur ein vordergründiger Spaß und ein Spiel mit liebgewonnenen Klischees. Doris Dörrie legt ganz nebenbei eine historische Folie über die von Da Ponte und Mozart erzählte individuelle Geschichte der beiden Paare - die dabei aber trotzdem erhalten und Mittelpunkt bleibt. Die gelangweilten Hausfrauen Dorabella und Fiordiligi streifen sich bunte Tücher über und werden zu Hippiebräuten, sie erleben mit den verkleideten Männern die beginnende sexuelle Befreiung und die Emanzipation der Frau der 60er/70er Jahre im Schnelldurchgang. Das da in der Rückschau nicht alles Gold war, verschweigt Dörrie nicht: Wunderschön ist die Idee, Don Alfonso einen Geldlohn verteilen zu lassen an die doch eigentlich antikapitalistisch gesinnten Blumenkinder - wobei er auch den Dirigenten nicht vergisst. Das Ende, die Versöhnung der beiden Paare, lässt Dörrie auf der Kippe stehen. Alle Beteiligten zweifeln, ob sie nicht doch den/die andere wollen, sie sind auf den Geschmack gekommen, wenn sie sich auch wieder in ihren früheren Alltag und damit in die gesellschaftlichen Konventionen einfügen. Die Hippies verlassen den Garten, das Leben geht weiter.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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