5. September 2004
Kammermusiksaal

Kreis - Kreuz - Galaxie

Toros Can spielt Crumbs Makrokosmos

Programm

George Crumb
Makrokosmos Band I + II

Mitwirkende

Toros Can - Klavier

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Kreis - Kreuz - Galaxie

Toros Can spielt Crumbs Makrokosmos

Von Nancy Chapple

Toros Can

Toros Can, Klavierprofessor an der Anadolu Universität in Eskiþehir (Türkei), ist ein Energiebündel, der vom ersten Erscheinen auf der Bühne des Kammermusiksaals durch seine große Freude und Kennerschaft an der Musik zu begeistern wusste. Sein Klavierabend im Rahmen des neu gegründeten türkischen Kulturfestes Şimdi Now bot ausschließlich einen Klassiker der Moderne: George Crumbs Makrokosmos, Band I und II, je zwölf Fantasiestücke über den Tierkreis. Nachdem er das im hinteren Zuschauerraum sitzende Publikum aufgefordert hatte, doch nach vorne zu kommen, erklärte er auf Englisch einiges zur Werkentstehung und -struktur, dass das Werk "eklektisch aber nicht postmodern" sei und - wie vom Komponisten gefordert - ohne Pause auf einem "wunderbaren Steinway D" gespielt etwa 60 Minuten dauern würde.

Diese 60 Minuten waren offensichtlich zu viel für einige der jüngeren Zuhörer, die unter Umständen eher einen weiteren Pop-Abend à la Tarkan erwartet hatten. Ostentativ verließen immer wieder einige aufgetakelte junge Damen den Saal, nutzten zu dem Zweck verschiedene Ausgänge und schufen dabei eine unkonzentrierte Atmosphäre. Zum Glück ignorierte Can alle solche Erscheinungen und blieb ganz bei der Sache.

Makrokosmos - entstanden 1972/3 - ist wunderbar in seinen behutsamen, immer geschmackvollen Erweiterungen der üblichen Klavierspieltechniken. Und Toros Can hat es uns mit einer unvermittelten Spielfreude, sportlich engagiert und sehr konzentriert, nahe gebracht. Sportlich weil ungewöhnliche Körperstellungen nötig waren, um gleichzeitig die Pedale zu treten und tief in den Flügel hineinzugreifen. Er sang stillschweigend oder dirigierte jede der melodischen Linien, auch kurze Fragmente, mit, voll beteiligt. Jeder einzelne Ton, jedes Akkord, war sorgfältig ziseliert und ausgekostet.

George Crumb - Makrokosmos

Die Effekte - Zupfen, Schlagen, Streichen der Saiten bei gleichzeitigem lautlosen Halten von Akkorden, Fallen lassen und Ziehen von Ketten, Spielen bei aufgelegtem Sandpapier, Bewegen von großen Zylindern über die Saiten à la Steelguitar - sind tatsächlich so eingesetzt, die Klangmöglichkeiten des Instruments auszuweiten, nicht um das Instrument irgendwie zu entwürdigen: eine Betonung auf den Obertönen, Glissandi, die mit jedem der ersten Töne eine Melodie ausgestaltet. An bestimmten Stellen war der Einfluss Messaiens mit typischen Tonclustern und glänzenden einzelnen hohen Tönen spürbar vorhanden. Eingefügt im elften Stück in Band I, Dream Images, sind zwei Zitate von Chopins Fantasie-Impromptu - überzeugend transparent und transzendent gespielt. Sie fühlen sich nicht wie eine Pastiche an sondern eher wie eine Huldigung an den großen Komponisten. Das Werk ist kurzweilig, nie unangenehm laut oder grell. Auch die zusätzlichen stimmlichen Effekte - Singen, Sprechen, Schreien, Pfeifen - werden dezent und nicht übertrieben eingesetzt.

Eine besondere Freude war es, mit den Noten das Stück zu verfolgen. Berühmt sind die einzelne Sätze notiert in Form einer Spirale, eines Kreises, eines Kruzifixes. Indem man sich auf diese wahrlich ungewöhnliche Notierart einlässt, bekommt man Einblicke in die einzigartig mystische Absichten des Komponisten.

Diejenigen, die geblieben waren, erlebten ein ungewöhnliches, aber mitreißendes und bewegendes Stück moderner Klavierliteratur, gespielt von einem hervorragenden und engagierten Pianisten, der mit großem Beifall gewürdigt wurde.



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