11./12. September 2004
Konzerthaus Berlin

Subtile Wucht

Mahler und Bruckner zur Saisoneröffnung des BSO

Programm

Gustav Mahler
"Kindertotenlieder" für Singstimme und Orchester

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 3 d-Moll

Mitwirkende

Berliner Sinfonie-Orchester
Eliahu Inbal - Leitung
Iris Vermillion - Alt

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Subtile Wucht

Mahler und Bruckner zur Saisoneröffnung des BSO

Von Ingo Bathow

Saisonbeginn im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Heimgekehrt waren Berlins Kulturbotschafter - das Berliner Sinfonie-Orchester mit seinem Chefdirigenten Eliahu Inbal und der Mezzosopranistin Iris Vermillion als Gast - mit einem Programm, das gut zwei Wochen vorher Spaniens Santander-Festival eine überwältigende "triunfal noche festivalera" beschert hatte. "Triumphal" sollten die zwei Berliner Aufführungen durch den taktvollen Bezug zum Gedenktag des 11. September sicher nicht wirken, doch waren es gerade die hier ausgewählten Werke, mit denen die Protagonisten in ihrer Karriere für hohes Aufsehen gesorgt hatten - Iris Vermillion mit Gustav Mahlers Kindertotenliedern unter Kurt Masur bei den Berliner Festwochen 1999, Eliahu Inbal bereits seit Mitte der Achtzigerjahre mit der "epischen" Originalfassung von Anton Bruckners Sinfonie Nr. 3 d-Moll.

Iris Vermillion

Unüberhörbar war nicht nur, dass die Künstler keineswegs bei ihren früheren Interpretationen stehen geblieben sind. Schon zwischen der Aufführung der Kindertotenlieder vom Samstag zum Sonntag lag eine vernehmliche Steigerung, die Höhepunkte von einer geradezu hypnotischen Intensität erreichte. Dabei begann Vermillion zunächst im klagenden Oratorienduktus mit dem zarten Umspielen einer Note in Sekundschritten, ohne hämmernde Penetranz oder entrückten Fiebertaumel, wie es die Interpretation des fassungslosen Elternteils durchaus zuließe. Doch bei den Worten "die Sonne, sie scheinet allgemein" vermochte sie mit ihrer berühmten instrumentalen Stimmführung gewissermaßen ein Licht anzuzünden, dann aber die Strahlung noch zum weitaus mächtigeren "ew'gen Licht" zu potenzieren und die Hörer geradezu mitreißend auf die kosmische Bahn des irdischen "Freudenlichtes" zu führen, um sie dann fast unbemerkt wieder im d-Moll des Anfangs versinken zu lassen.

Über geheimnisvoll funkelnden Orchesterfarben leuchteten die "dunklen Flammen" des zweiten Liedes, bis der wandernde kosmische Strahl nach drängender Intensität der Hörner für eine kleine Ewigkeit im Leuchten der Augen des verlorenen Kindes innehielt und am Schluss im schönsten D-Dur in das Leuchten der Sterne überging. Unvermittelt irdisch kam der Wechsel zum häuslichen Bläseridyll mit der Solistin im Part des Vaters, der sich im Rollenspiel von Horn, Oboe und Englisch Horn den Eintritt des Mütterchens mit Tochter beim Kerzenschein in seine Stube vorstellt - überraschend, die Sängerin als "Familienvater" baritonal-volltönend in der kleinen Oktave zur c-Moll-"Schwelle" aufsteigen zu hören. Geradezu schwelgerisch, tänzerisch und üppig sinfonisch wirkte im Kontrast hierzu der Familienausflug auf sonnenbeschienene Hügel, wobei die Solistin sehr überzeugend mit dem stimmlichen Höhenflug auch eine transzendente Vorstellung erweckte - die Kinder in himmlischen Höhen, vom Licht umflutet.

Noch einmal konnte die subtile Wucht dieser Musik von den Hörern gänzlich Besitz ergreifen mit dem mehr psychisch als klangmalend dargestellten Gewittersturm des letzten Liedes. Jetzt verwandelte sich die orchestrale Farbgebung in das fahle Licht monoton peitschender Regenschwaden der Streicher con sordino, wobei der Text der Solistin "nie hätt' ich gelassen die Kinder hinaus" wie zuckende Blitze einschlug. Und dann, wie ein Segen oder ein Wiegenlied, die letzten Worte, über denen die Sängerin verstummte, "sie ruh'n wie in der Mutter Haus", während lange D-Dur-Wogen fast wie die Flammen von Wagners Walküre die Vision einhüllten, sie unmerklich in der Ewigkeit verglimmen ließen. Eine souveräne Leistung - insbesondere der Holzbläser, Hörner und Streicher des hier kammermusikalisch besetzten Orchesters - und am Sonntag einer der reifsten Auftritte Iris Vermillions. Bewundernswert die vollkommene Übereinstimmung von Gestik, Dynamik, instrumentaler Stimmführung und pointierter Textausdeutung. Ganz im Sinne Mahlers gelang es ihr gemeinsam mit dem schillernden Orchester, das Werk aus dem Grundzug melancholischer Dämmerung hinauszuführen und es immer wieder überraschend in leuchtende, beinahe übersinnliche Klangfarben zu tauchen. Ein synästhetisches, geradezu visuelles Erlebnis.

Eliahu Inbal

Weniger als eine halbe Stunde dauerte die Mahlersche Fieberglut - dann, nach der Pause, fast dreimal länger, die kosmischen Dimensionen von Bruckners 3. Sinfonie. Ein ganz subtiles Zeichen von Chefdirigent Inbal, dass sich die Musiker nun auf ganz andere Weise ins Zeug zu legen hatten: Er stand nämlich buchstäblich on edge, ließ beide Lackschuhe weit über die Grenzleiste des Podiums hinausragen, um dem Orchester möglichst nahe zu sein und es anzufeuern. Trotzdem war es eine kontrollierte Ekstase, vom ersten Aufsteigen des Trompetenmotivs wie ein glühender Feuerball über dem flirrenden Dunst des d-Moll-Streicherteppichs bis zu den letzten seismischen Stößen im Finale Allegro.

Deutlich zu hören - trotz aller Energie und Wucht, die Inbal und das BSO in den kosmischen Strukturen von Bruckners sinfonischem Universum aufbrausen ließen - wie weit entfernt selbst das Stampfen im Getriebe dieses Universums war von der blinden Urkraft und dem Ungestüm etwa eines Sacre du Printemps. Der Schöpfergott in Inbals Interpretation war selbst im Zupacken maßvoll, sensibel, intellektuell wie der Dirigent. Eine Kraft, die nicht im Dunkeln, im Mysterium, in der Rätselhaftigkeit verweilte, sondern sich in Farben und Klangtexturen offenbarte, in Nuancen des Lichts. Die hymnischen Elemente, darunter besonders die weihevollen Wagner-Zitate, konnten auf diese Weise zwar nicht ganz den satten, geheimnisvollen Glanz des Bayreuther Originals einfangen, doch gelangen oft Ansätze zu bezauberndem Instrumentalgesang im Adagio, namentlich in den Celli.

Der Perfektion am nächsten stand das Scherzo, bereits Essenz des reifen Komponisten auch ohne die später hinzugefügte Coda, kurz und in sich stimmig, mit kreisenden Bewegungen, wie ein Leuchtturm in der Brandung, imposante Glanzleistung der Blechbläser. Dass die Spannung im Finalsatz bei der Überlagerung von Choral und Polka nicht gehalten werden konnte, lag sicherlich nicht an mangelnder Konzentration des Ensembles. Als sich endlich in der Coda die Klangmassen zum Himmel türmten, hätte es nur noch ein Zeichen Inbals bedurft, um auch das letzte Quäntchen Feuereifer im Orchester freizusetzen - vielleicht der Unterschied zwischen hervorragend und grandios.

Durch den unvermittelten Schluss in die Stille katapultiert, benötigten die Zuhörer einen Moment der Besinnung, um die Fassung wiederzuerlangen und der Leistung Tribut zu zollen. Bei allem motivischen Reichtum des Originals wurde auch klar, dass Bruckner mit seinen revidierten Fassungen durchaus Fortschritte erzielte - stringentere Spannungsbögen hin zu den emotionalen Höhepunkten, für ein nicht spezialisiertes Publikum gewiss Voraussetzung für ein noch intensiveres Miterleben. Gänzlich umjubelt sollte freilich der Berliner Auftritt schon wegen des Gedenktags nicht werden. Auch weil gleich nach dem Konzert emsige Vorbereitungen anliefen für den Abflug des BSO am folgenden Tag, hin zu neuen, überwältigenden Triumphen - in China.



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