9. Dezember 2004
Philharmonie

Wittgensteins Irrtum

Leon Fleisher und die Philharmoniker mit einem wiedergefundenen Werk

Programm

Hector Berlioz
Le Corsaire op. 21
Claude Debussy
Jeux
Paul Hindemith
Klaviermusik mit Orchester op. 29 Uraufführung
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 4 B-Dur op. 60

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Leon Fleisher - Klavier

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Wittgensteins Irrtum

Leon Fleisher und die Philharmoniker mit einem wiedergefundenen Werk

Von Werner Friedrich

Auch in einer prominenten Industriellen-, Künstler- und Gelehrtenfamilie gibt es mitunter erstaunliche Fehlurteile: Im Jahr 1922 beauftragte der Pianist Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte, Paul Hindemith, den neuen Stern am deutschen Komponistenhimmel, ein Klavierkonzert für ihn zu schreiben. Hindemith tat das wie viele andere Komponisten auch und lieferte 1923 seine Klaviermusik mit Orchester op. 29 ab. Wittgenstein, der das Werk nicht nur bestellt, sondern auch alle Rechte für das Konzert gekauft hatte, konnte mit dem Werk jedoch nichts anfangen, reihte es in seine Notenbibliothek ein, und damit war das Werk erst einmal für über 80 Jahre von der Bildfläche verschwunden. Anders als andere Werke dieses speziellen Zuschnitts wie etwa Ravels Konzert für die linke Hand blieb Hindemiths Klaviermusik ein Phantom, verloren auch für den Komponisten selbst, der keine Unterlagen mehr darüber besaß.

Vor zwei Jahren ist es aber aus dem Nachlass Wittgensteins auf noch ungeklärte Weise aufgetaucht, und das war Anlass für die feierliche Uraufführung am Donnerstag in der Philharmonie unter Simon Rattle, eine Einführungsveranstaltung zu dem Werk im Chorsaal der Philharmonie und ein Symposion über Paul Wittgenstein in der Österreichischen Botschaft, an dem auch der Kurator des neu eingerichteten Paul-Wittgenstein-Archivs in Hong Kong teilnahm.

Leon Fleisher

Dass man Leon Fleisher als Solisten gewonnen hatte, war eine besonders gelungene Wahl, denn Fleisher verkörperte einst als junger amerikanischer Pianist die von Berlin ausgehende Tradition seines Lehrers Artur Schnabel wie kein zweiter. Es war ein Erlebnis zu sehen, wie Fleisher mit 76 Jahren noch einmal den Platz im Berliner Musikleben einnahm, der ihm zeit seines Lebens sicher gewesen wäre, hätte ihn nicht eine Lähmung der rechten Hand aus der Bahn geworfen. Fleisher drückte vor dem Konzert bereits seine Dankbarkeit für das Repertoire Wittgensteins ausgedrückt, das zu seinem eigenen geworden ist.

Die Klaviermusik entpuppte sich als außerordentlich gelungenes Werk, das auf der Höhe nicht nur seiner Zeit, sondern auch von Hindemiths Produktion insgesamt steht. Aber das war für Wittgenstein gerade der Stein des Anstoßes: Hindemiths sachliche, unprätentiöse, oftmals lineare und perkussive Behandlung des Klavierparts passte dem Pianisten nicht ins Konzept, der trotz (oder vielleicht sogar auf Grund) seiner Beschränkung auf eine Hand gerade das vollklingende, virtuose Element betonte und nicht davor zurückschreckte, die für ihn geschriebenen Werke namhafter Komponisten stark zu bearbeiten. Fleisher gelang die Rolle eines primus inter pares im Orchester meisterhaft. Einzig problematisch erschien, dass das Klavier an manchen Stellen sich gegenüber dem nicht klein besetzten Orchester auch dort nicht durchsetzen konnte, wo es musikalisch das Geschehen hätte bestimmen sollen.

Die Zusammenstellung des gesamten Konzertes war vorbildlich. Berlioz' Ouverture du Corsaire op. 21 eröffnete mit virtuos raschen Tempi, mit denen der Dirigent vielleicht den sportiven Charakter seines Musikverständnisses etwas überbetonte. Die raffinierten Klangkombinationen des großen Orchesters wurden in Debussys Jeux ausgekostet. Den Schlusspunkt bildete Beethovens kammermusikalische Vierte Symphonie.

Am Rande des Konzerts konnte man höchst interessante Dokumente aus dem Nachlass Hindemiths sehen, wobei man sich nur fragte, warum man sie unbedingt in einem mitunter fast zerknüllten Zustand zeigen musste. Ein Foto Hindemiths war offensichtlich so widerspenstig, dass man kurzerhand eine schwere Platte Panzerglas darüber warf, die auch noch andere Dokumente unter sich begrub.



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