13. Februar 2004
Philharmonie

Diabolie und Elfenzauber in der Philharmonie

Haitink und Zimmermann zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Programm

Bohuslav Martinů
Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauke
Felix Mendelssohn Bartholdy
Violinkonzert e-Moll op. 64
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 7 d-Moll

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Bernard Haitink - Dirigent
Frank Peter Zimmermann - Violine

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Diabolie und Elfenzauber in der Philharmonie

Haitink und Zimmermann zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Ingo Bathow

Eine gewaltige Auszeichnung ist es, wenn die Streicher der Berliner Philharmoniker ihre Bögen beiseite legen, um einem Solisten-Kollegen zu applaudieren. Stetiges Ringen, um die Grenzen der technischen Beherrschung des eigenen Instruments fortwährend auszuweiten, ist Musikern der Weltklasse nur allzu vertraut. Genau dort, wo technisches Können alle physikalischen Beschränkungen außer Kraft zu setzen scheint, wo gewissermaßen die Luft dünn wird auf dem geigerischen Olymp, beginnt erst das Virtuosentum eines Frank Peter Zimmermann. Allein seine Zugabe lieferte mehr Gesprächsstoff als manch sinfonisches Werk, hatte er doch eines jener teuflisch schweren Bravourstücke ausgewählt, die dem Komponisten einst den Ruf einbrachten, mit übernatürlichen Mächten im Bunde zu sein - Niccolo Paganinis Variationen über "God Save the King".

Der Gastdirigent Bernhard Haitink musste sich mit der traditionellen Ehrenbezeigung zufrieden geben - lebhaftem Antippen der Notenpulte durch die Streicherbögen - doch war es sein Verdienst, Orchester und Publikum auf eine emotionale Reise von der De-profundis-Stimmung von Bohuslav Martinůs Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauke bis hin zu Antonín Dvořák lichtdurchfluteter 7. Symphonie geführt zu haben.

Ersteres Werk hatte eine elektrisierende Wirkung auf das Publikum. In keiner anderen Komposition ist es Martinů mit solch kumulativem Effekt gelungen, "den Teufel an die Wand zu malen", sei es durch den perkussiven Einsatz des Klaviers im einleitenden Satz zusätzlich zu den stampfenden, rumorenden Bässen, sei es durch die harschen Akkorde oder die klagenden, vom Klavier angeführten Dialoge zwischen den Soloinstrumenten im Largo. Die räumliche Wirkung wurde noch verstärkt, eine Verknappung und Intensivierung des Gestus dadurch herbeigeführt, dass sich Martinů der Strukturen des barocken Concerto Grosso bediente und etwa die zwei Streichorchester im Wechselspiel von Tutti und Concertino einsetzte. Dennoch schöpfte das Werk nicht inhaltlich aus barockem Geist, wie so oft bei dem nur acht Jahre älteren Igor Strawinsky. Auch strebte die Aussage nicht nach abstrakter, universeller Gültigkeit wie etwa Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Martinůs Musik reflektierte die Tragik einer einzigen geschichtlichen Epoche - quasi als Momentaufnahme vom Grollen des herannahenden Zweiten Weltkriegs.

Ganz anders Antonín Dvořáks 7. Symphonie in d-Moll, die in der Literatur oft den Beinamen "Die Tragische" erhält, sei es, weil sie aus dem Jahr des Verlustes der geliebten Mutter stammt, oder weil manche Kommentatoren das Pathos der "nationalen Befreiungskriege" aus hussitischer Zeit darin zu entdecken glauben. Selbst wenn ihr Dvořák selbst den Untertitel "Aus traurigen Jahren" gegeben haben sollte, so geht persönliches Leid gänzlich auf in der Allgemeingültigkeit des Entwurfs. Aufblitzendes Pathos kennzeichnete bei Haitink allenfalls den Finalsatz - im ersten entwickelte sich aus den d-Moll-Abgründen eine exaltierte, fast getanzte Melancholie im gemessenen, weich ausklingenden Dreiertakt. Die tief schürfende Grübelei des Vorbildes Johannes Brahms offenbarte sich im Poco Adagio. Hymnische Holzbläser, die Streicher in einer Art rezitativischem Wechselspiel mit den Bässen, sehnsuchtsvolle Horn- und Oboenmotive fügten sich in ein mit straffer Logik konstruiertes F-Dur-Mosaik ein - hohe Konzentration seitens des Publikums erfordernd, das sich nach diesem Satz durch langes Gehüstel wieder Luft machte. Die ätherisch schwebende Melodie des Scherzos vermochte Haitink von aller irdischen Wucht zu befreien, ohne ihr durch ein zu lebhaftes Tempo die ihr anhaftende Melancholie zu rauben. Doch Dvořáks Vision strebte unerschütterlich nach Erlösung: Endlich, nach der turbulenten Verdunkelung des Finalsatzes, strahlendes, majestätisches Licht der wiederholten D-Dur-Akkorde nach einer plagalen Kadenz, wie der Schluss eines gewaltigen Orgelkonzertes.

Frank Peter Zimmermann

Das Dessert erfolgte zwischen den beiden sinfonischen Blöcken: Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert e-Moll. Die Stimme von Frank Peter Zimmermanns Stradivari als "Gesang" zu beschreiben, wäre ein Understatement. Mögen Himmelsbewohner solche "Sphärenmusik" gewohnt sein - kein menschlicher Kehlkopf wäre in der Lage, diesen intensiven, dabei vollkommen gleichmäßig fließenden Klang und das feine, charakteristische Vibrato nachzuahmen. Man konnte sich eine halbe Stunde diesem Wohllaut hingeben, denn es schien für diesen Künstler keine technische Schwierigkeit zu geben, die er hätte überwinden müssen, keinen Ausdruck mehr, um den er hätte ringen müssen. Dass die Phrasierungskunst Zimmermanns weit abgehoben ist von menschlicher Sanglichkeit und Atembögen, fiel bereits in der Exposition des Hauptthemas, noch mehr aber im lyrischen zweiten Satz auf. Der Einsatz von Glissandi zur Phrasierung wäre freilich bei jedem Schüler sofort abgestellt worden - Gestaltungsfreiheit des Weltklasse-Solisten. Doch der Zauber seines Spiels lag nicht in seiner Ausdruckstiefe, sondern in der fast überirdischen Schwerelosigkeit seines Spiels, wodurch er das duftige "Elfen-Rondo" im letzten Satz quasi in den Weltraum versetzte.

Humor aus olympischen Höhen brachte die Zugabe. Gewiss muss das Konzert noch geschrieben werden, das die spieltechnischen Möglichkeiten eines Frank Peter Zimmermann voll ausschöpft. Auch sind Violinsolisten keine Seiltänzer. Aber Paganinis G-Dur-Variationen über die englische Nationalhymne, zum Ende der Regierungszeit Georgs IV. geschrieben, verbinden auf verblüffende Weise Kunst und Akrobatik. Wer einmal versucht hat, auf einer Geige mit der Griffhand pizzicato zu spielen, wird kaum einen Laut hervorgebracht haben. Zimmermann schaffte es vernehmlich für die ganze Philharmonie, so dass man Melodie und Begleitfigurationen deutlich unterscheiden konnte. Und spielte dann zum Pizzicato gleichzeitig noch zweistimmig mit dem Bogen dazu. Künstlerische Diabolie, deren Gelingen befreiendes Lachen hervorrief. Und vielleicht sogar länger in Erinnerung bleiben wird als die "göttliche Routine" des Konzerts.



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