14. Januar 2004
Komische Oper Berlin

Kein bisschen müde

La Bohème in der 341. Aufführung an der Komischen Oper

Programm

Giacomo Puccini
La Bohème

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Constantinos Carydis
Inszenierung: Harry Kupfer
Bühnebild: Reinhardt Zimmermann
Kostüme: Eleonore Kleiber
Dramaturgie: Eberhard Schmidt
Chöre: Peter Wodner

Mimi: Emma Bell
Musette: Maria Bengtson
Rudolphe: Harrie van der Plas
Marcel: Gabriel Suovanen
Schaunard: Nanco de Vries
Colline: Jens Larsen
Parpignol: Stephan Spiewok
Benoit: Hans-Martin Nau
Alcindoro: Werner Enders
Sergeant der Zollwache: Thomas Seyfarth
Zöllner: Matthias Spenke
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Kinderchor der Komischen Oper Berlin

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Kein bisschen müde

La Bohème in der 341. Aufführung an der Komischen Oper

Von Nora Mansmann / Foto: Thomas Aurin

Die Oper La Bohème von Giacomo Puccini ist eines der beliebtesten Werke des Repertoires. Wahrscheinlich steht sie deshalb bei allen drei Berliner Opernhäusern auf dem Programm, teilweise schon seit vielen Jahren. Die Inszenierung von Harry Kupfer an der Komischen Oper stammt von 1982, man möchte sagen: aus einer ganz anderen Zeit. Doch die Versuche, noch Zeichen für diese vergangene Zeit in der Umsetzung auf der Bühne zu finden, wie sie die Lektüre des alten DDR-Programmhefts erwarten lässt, laufen ins Leere - oder ist die Inszenierung über die Jahre hinweg politisch korrekt "modernisiert" worden?

Nachdem ein weißer Gaze-Vorhang, beschrieben mit Auszügen aus Henri Murgers Vorlage "La vie de Bohème", gefallen ist, folgen wir wie gewohnt Rodolphe und Mimì, dem Maler Marcel und seiner Musette, dem Philosophen Colline und dem Musiker Schaunard, sehen die Paare sich finden und wieder trennen und fiebern mit bei Mimìs tragischer Sterbeszene am Schluss der Oper. Dabei ist die Inszenierung - mag sie auch nicht durch Extravaganzen oder politische Statements auffallen - szenisch sehr ausgefeilt und ausgesprochen kurzweilig. Die Sänger haben viel zu tun nebenbei, da bleibt kaum Zeit für Posen an der Rampe, hier müssen sich die Darsteller auf andere Weise ins rechte Licht rücken. Es ist viel Bewegung auf der Bühne, es wird tatsächlich - selten genug in der Oper - wirklich gespielt, und das betrifft nicht nur die Solisten, sondern ebenso Choristen und Kleindarsteller, die nicht nur dekorativ herumstehen.

Vor allem im 2. Bild herrscht ein lustig-buntes Gewimmel, in dem es für den Zuschauer viele kleine Details zu entdecken gibt. Die Stimmung des Bildes kommt beim Zuschauer an, ohne dass es auf der Bühne weihnachtlich-verkitscht zuginge, immerhin spielt die Szene am Heiligen Abend. Seinen Höhepunkt findet das fröhliche Treiben in Marcels und Musettes Wiedersehen, bei dem der Maler sich zunächst mühsam unter Kontrolle zu halten versucht und schließlich eine entfesselte Strip-Nummer hinlegt, die große Begeisterung bei den Frauen auf der Bühne und im Parkett auslöst. Inzwischen schwingt sich Musette über eine Balkonbalustrade des zweistöckigen Eckcafés "Momus" (Bühne: Reinhart Zimmermann), um zu ihrem Liebsten zu gelangen.

Auch musikalisch ist das ganze Ensemble in dieser 341. Vorstellung seit der Premiere kein bisschen müde. Das Orchester spielt unter der Leitung Constantinos Carydis knackig-präzise, wenn auch manchmal etwas zu laut. Das gereicht vor allem Harrie van der Plas zum Nachteil, der als Rodolphe leider etwas schwach auf der Brust ist und nicht immer gegen die geballte Kraft der Instrumente ankommt. Dafür hat der Tenor aber in den zärtlichen, leisen Momenten, etwa bei der Zweisamkeit der Liebenden im 1. Bild, seine starken Auftritte.

La Bohème: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Ganz anders als Rodolphe zeigt sich sein Gegenpart, die Mimì, gesungen von Emma Bell: Ihre kraftvolle, klare Stimme übertönt van der Plas wie auch das Orchester mit Leichtigkeit. Nicht nur sängerisch liefert Emma Bell eine hervorragende Arbeit ab, auch für das Darstellerische nimmt sie sich Zeit, und begeistert mit einer starken Bühnenpräsenz - ja, diese Mimi leuchtet.

Auch Maria Bengtsson als Musette, Jens Larsen als Colline und Gabriel Suovanen als Marcel gefallen, wobei letzterer manchmal die Schauspielerei etwas übertreibt und in seinen Gesten ein bisschen zu pathetisch wird. Nanco de Vries als Schaunard fällt den Leistungen der Kollegen gegenüber stimmlich etwas ab.

Am Ende der Oper steht unausweichlich der Tod Mimìs, dessen Tragik noch dadurch verstärkt wird, dass Rodolphe zunächst nicht merkt, dass seine Geliebte gestorben ist. Zuletzt stürzt Emma Bell, die als tote Mimì eine Zeit lang wie eingefroren da gesessen hatte, von ihrem Stuhl, der weiße Gaze-Vorhang verhüllt die Sicht, dahinter sieht man in einem eindrucksvollen Schlussbild nur noch schemenhaft den klagenden, schließlich verstummenden Rodolphe.



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