8. November 2004
Philharmonie

Mehr als nur Clavierübungen

Daniel Barenboim spielt Bach solo

Programm

Johann Sebastian Bach
Das wohltemperierte Klavier, Teil 1 BWV 846-869

Mitwirkende

Daniel Barenboim - Klavier

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Mehr als nur Clavierübungen

Daniel Barenboim spielt Bach solo

von Nancy Chapple und Jens Paape

In der Regel fällt es Solisten schon schwer, den kleinen Kammermusiksaal einigermaßen zu füllen. Aber den großen Saal mit einem Bach-Programm? Kein Problem für Daniel Barenboim, der sich nach vielen Jahren als Dirigent bei Orchesterwerken und Opern einmal wieder allein dem Publikum stellte, um uns Teil 1 von Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier vorzutragen.

Über die Interpretation des Bachschen Klavierwerks gibt es immer wieder heftige Diskussionen: Soll man es eher nüchtern und trocken spielen, so wie es auf einem Cembalo mit seinen eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten klingen würde? Oder darf man die Möglichkeiten des modernen Konzertflügels nutzen?

Daniel Barenboim

Barenboims Antwort wurde gleich in den ersten Takten des C-Dur Präludiums klar: Sehr getragen, mit viel Pedal, kein gleichmäßiges Fließen, sondern dramaturgische Verzögerungen, Crescendi/Decrescendi. Die Barenboim-Fans im Saal werden sofort die Souveränität des Pianisten genossen, einige Bach-Fans vielleicht zunächst die Augenbrauen hochgezogen haben. Dann die erste Fuge: Unglaublich langsam! Das kann doch nichts werden, oder? Doch halt, jetzt der Einsatz der zweiten Stimme, und der dritten und vierten. Mit Souveränität und innerer Ruhe schließt er jeden Einsatz richtig ab, bevor der nächste kommt. Jetzt wird es plötzlich klar: Barenboim bietet uns einen wirklichen Einblick in die Kompositionen. Er arbeitet die einzelnen Stimmen exakt heraus, zeigt uns die Einsätze, die harmonischen Entwicklungen und er beweist, dass er nicht nur ein hervorragender Musiker, sondern auch ein ganz großer Pianist ist. Er schafft es, die Stimmen - ganz wörtlich - "singen" zu lassen. Mit ein wenig Fantasie konnte man sich mit geschlossenen Augen einen Chor auf der Bühne vorstellen, mit einem engagierten Dirigenten, der jede Stimme und somit das Gesamtklangbild in jeder Sekunde moduliert.

Neben dem Pianisten Barenboim, der in der Lage war, mit großer Präzision jeden einzelnen Ton in Dynamik und Klangfarbe zu gestalten, konnten wir an diesem außergewöhnlichen Abend aber auch den Musiker Barenboim genießen, der sich in der Vorbereitung intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt und eine ganz eigene Interpretation gefunden hat. Jeder Ton, jedes Thema und vor allem auch die größeren Einheiten waren klar herausgearbeitet.

Die Besonderheiten seiner Auslegung können wir an einigen Beispielen zu verdeutlichen. Oft wurden aus den Schlusskadenzen richtige Coden gemacht: gedehnter, lauter, vor allem emphatischer als der Rest. So schlossen einzelne Präludien und Fugen richtig würdig ab. Auch gab es gewagte aber gelungene Interpretationen: zum Beispiel, eine Verdoppelung der Bassstimmen, etwa bei der D-Dur Fuga. Oder auch beim h-Moll Präludium, dem einzigen Stück im ganzen ersten Band des Wohltemperierten Klaviers mit Wiederholungen. Hier spielte er zwei ganz verschiedene, voll ausgekostete Varianten, jeweils integer und rund.

Bei manchen der besonders langen, groß angelegten Stücken - zum Beispiel dem es-Moll Präludium und der dazugehörigen dis-Moll Fuga - nahm er sich atemberaubend viel Zeit, um Strukturen darzulegen. Bei der langen a-Moll Fuga schien er nach dem Prinzip zu handeln: je länger desto langsamer! Er hat den langen Atem in einem langsamen Tempo und mit linken Pedal zu beginnen und uns dann souverän durch das ganze Stück zu führen. Mit innerer musikalischen Reife hielt er lange vor der f-Moll Fuga inne und begann dann richtig langsam, gefasst, kontrolliert. Aber es funktionierte wunderbar, war in sich schlüssig und höchst überzeugend.

Auch wenn Barenboim überwiegend langsame Tempi wählte und viel Pathos in die Stücke legte, konnte er auch anders. Cis-Dur und d-Moll Präludium, sowie auch einige andere spielte er rasend schnell, perlend gleichmäßig und sehr filigran.

Bei allem Lob seien dennoch zwei kleinere Kritikpunkte angebracht: Zum einen verträgt die Akustik der großen Philharmonie nicht viel Sostenuto-Pedal. Hier hätte an einigen Stellen weniger vielleicht etwas mehr klangliche Präzision bedeutet. Und zum anderen: Da Barenboim trotz aller Souveränität mit Noten spielte, ließen sich die erkältungsgeplagten Berliner an diesem grauen Herbstabend immer wieder dazu verleiten, beim Umblättern wahre Hustenorgien zu feiern, was den Zusammenhalt besonders zwischen Präludium und Fuge störte.

Dennoch war es ein durch und durch gelungener Abend, an dem uns Daniel Barenboim sowohl die kompositorischen Finessen als auch die Schönheit dieses Bachschen Werks gezeigt hat. Das Publikum jubelte und holte den Meister schon vor der Pause und erst recht am Schluss immer wieder auf die Bühne.



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