16. Februar 2004
Kammermusiksaal

Betörend und behaglich zugleich

Ein Klavierabend mit Emanuel Ax

Programm

Claude Debussy
Images, 1re série
Jean-Philippe Rameau
Pièces de Clavecin: Nr. 11, Nr. 14, Nr. 15
Claude Debussy
Images, 2e série
Maurice Ravel
Valses nobles et sentimentales
Frédéric Chopin
Scherzi Nr. 1 h-Moll op. 20, Nr. 2 b-Moll op. 31, Nr. 3 cis-Moll op. 39, Nr. 4 E-Dur op. 54

Mitwirkende

Emanuel Ax - Klavier

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Betörend und behaglich zugleich

Ein Klavierabend mit Emanuel Ax

Von Nancy Chapple

Emanuel Ax

Bei einem Klavierabend bekommt man schnell einen Eindruck vom Menschen hinter dem Pianisten - Emanuel Ax wirkt umgänglich, behaglich, nicht eitel, im Einklang mit sich selbst. Ein ansprechendes und anspruchsvolles Programm bot der Amerikaner, Jahrgang 1949, mit einer französischen ersten Hälfte und Chopins vier Scherzi in der zweiten. Es stellte sich die Frage: Was verbindet programmatisch die zwei Hälften des Konzerts? Vor allem der leichte, ungezwungene Zugang zur Musik, die Souveränität im Umgang mit allen technischen Herausforderungen und die reine Musizierfreude des Solisten.

Images (premiére série) begann entspannt. Im zweiten Stück, Hommage à Rameau, fielen die verschiedenen subtil differenzierten leuchtenden Ebenen auf. Mouvement war gar nicht jenseitig, sondern greifbar und glühend. Ax ersetzte die im Programm angekündigten Rameau-Stücke durch drei andere, die er auf deutsch (sich unnötigerweise hierfür entschuldigend) angekündigte. Das erste setzte zwei Welten in G- und F-Dur nebeneinander; das zweite strahlte Leuchtkraft trotz des una corda-Pedals aus. Bei Rameau hielt er zwar das sostenuto-Pedal niemals durch Stakkato-Passagen hindurch, aber er machte reichlich Gebrauch von den Möglichkeiten des modernen Konzertflügels. Gemeinsam war den Interpretationen der beiden ersten Komponisten das Understatement. Auch im Et la lune descend sur le temple qui fut vom darauffolgenden zweiten Images-Band kamen die verschiedenen Ebenen gleichzeitig deutlich heraus - nicht kontrapunktisch, also das gleichzeitige Wahrnehmen der senkrechten und waagerechten Aspekte eines Stückes, sondern wie ein Gemälde, in dem man das große Bild und viele feine Details im gleichen Moment sehen kann. Im Poissons d'or zeigte Ax einen reifen Instinkt dafür, wie viel Zeit bei den Übergängen genau richtig ist.

Nach dem vorangegangenen Höhepunkt des letzten Debussy-Stückes mit Ravels Valses nobles et sentimentales weiterzumachen, war eine interessante Entscheidung. Die acht ineinander laufenden Walzer sind wehmütig, von Schmerzen durchtränkt, auch wenn zum Beispiel der dritte in einem sonnigen e-Moll- / G-Dur-Wechsel freudig und unbekümmert war. Im letzten Walzer tauchen die Melodien und der Duft von allen sieben vorherigen wieder auf - aber sie wirken leiser und fragmentierter. Letztendlich fällt die fragil zusammengestellte Welt auseinander und die Zerbrechlichkeit der vorangegangenen einzelnen Stücke wird klar. Somit rundete er die erste Hälfte etwas traurig aber brillant ab.

Die zweite Hälfte bestand aus Chopins vier Scherzi: sowohl virtuos rasende als auch melodische Stücke, zwar in der Entstehung einige Jahre auseinander, aber in einem Guss sehr beeindruckend. Man hatte den Eindruck, Ax hätte die Stücke gerade im Studio aufgenommen - so frisch und unvermittelt war die Stimmung, so sehr waren sie seine Stücke. Das zweite Scherzo in b-Moll setzt eine wiederholte kleine Figur ein: ein Triolenauftakt zum ersten Viertel. In nachlässigen Händen kann es weinerlich klingen; hier war es ein ungewöhnliches penetrantes Murmeln, das den Zuhörer fesselte. Die Mittelteile der Scherzi bilden meist wunderbar lange Melodien in Phrasen, die anscheinend nie zu einem Ende kommen; diese kostete er konsequent aus. Das dritte Scherzo in cis-Moll ist vielleicht am schwierigsten zu begreifen: ungewöhnliche Motive, plötzliche Fortissimi bei vierfachen Oktaven, viele Wiederholungen, das Ganze in etwas manischer und getriebener Stimmung. Aber auch dieses Werk beeindruckte in Ax' Interpretation und riss einen mit. In seinen Chopin-Interpretationen wussten wir immer, wo wir uns gerade befanden, der große Zusammenhang ging nie verloren. Wir wurden entlang gezogen und genossen die Höhepunkte als äußerst befriedigend.



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