12. März 2004
Komische Oper Berlin

Alles Banane, oder was?

Händels Alcina an der Komischen Oper

Programm

Georg Friedrich Händel
Alcina

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Paul McCreesh
Inszenierung: David Alden
Ausstattung: Gideon Davey
Dramaturgie: Antje Kaiser
Licht: Franck Evin

Alcina: Geraldine McGreevy
Ruggiero: Annette Markert
Morgana: Brigitte Geller
Bradamante: Ewa Wolak
Oronte: Markus Schäfer
Oberto: Johannette Zomer
Melisso: Nanco de Vries

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Alles Banane, oder was?

Händels Alcina an der Komischen Oper

Von Nancy Chapple / Fotos: Monika Rittershaus

Schon bei der Ouvertüre wird offenkundig: Musikalisch ist die neue Aufführung von Händels Alcina an der Komischen Oper raffiniert und feinfühlig, sie strotzt vor Energie. Die Instrumente artikulieren deutlich, das Cembalo ist sehr präsent. Die schnellen Passagen sind richtig fetzig. Noch bevor die Musik ansetzt, wird es unruhig: Zwei Platzanweiser brüllen einander im Publikum an, zerren Zuschauer aus der ersten Reihe und platzieren andere dort. Zunächst ist unklar, ob manche Operngänger wirklich auf falschen Plätzen sitzen, aber schnell wird deutlich, dass der Abend mit einem Theaterrahmen gegeben wird.

Alcina: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Vier Tage vor der Premiere ist Geraldine McGreevy (Alcina) für die erkrankte Emma Bell eingesprungen. Schnell und überzeugend hat sie sich in der Inszenierung David Aldens zurecht gefunden. Sie singt die Rezitative auf deutsch, die Arien auf italienisch. In einer Produktion, in der es sonst so viel Gewusel gibt, reicht bei ihr allein die Stimme zu Händels Musik - so eine Präsenz hat sie. Bei ihrer Arie am Ende des zweiten Akts sang sie nicht nur die Melodie, sondern sogar die Pausen mit einer angespannten Intensität.

Alcina besitzt böse Zauberkräfte: Immer wieder verwandelt sie Menschen, die auf ihrer wundersamen Insel stranden, in Tiere. So spielen riesige "versteinerte" Giraffen, Löwen, Nashörner im Bühnenbild eine große Rolle. Markus Schäfer hat sogar die undankbare Aufgabe, Oronte in einem Affenkostüm singen zu müssen. Bei der ersten von ihm verzehrten Banane fragte man: Wie oft kommt es eigentlich vor, dass eine Banane in der Oper gegessen wird? Auf jeden Fall erhöht der "gelbe" Bananen-Faden durch diese Aufführung stark den Durchschnitt: Bananen werden an verzauberte Affen-Menschen verfüttert, rennend über die Bühne geschleppt und rhythmisch im Hintergrund herumgereicht. Gut in Szene gesetzt wird die verhexte Party mit den großen Tieren auf leisen Rädern und der sich intensivierenden seelischen Unordnung unter den Teilnehmern. Auch die Einbindung einzelner Orchestermusiker auf der Bühne (Cellist, Geiger, Blockflöten) ist ein gelungener Touch, da es dem musikalischen Wechselspiel zwischen Sänger und Melodieinstrument besonderes Gewicht verleiht.

Alcina: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Morgana (Brigitte Geller) zeigte viel Persönlichkeit in ihrer Übertreibung der Rolle einer männerfressenden kleinen Schwester. Allerdings war sie in den hohen Tönen manchmal unsauber und auch unangenehm laut. Ruggiero (Annette Markert) hat zwar eine ungewöhnlich gedeckte Stimme, meisterte aber die Strukturen ihrer Arien so souverän, dass es eine Freude war, deren Aufbau zu verfolgen. Auch die verliebte Bradamante (Ewa Wolak) war stimmlich und schauspielerisch überzeugend, mit einer sehr schönen Färbung am unteren Ende ihres Stimmumfangs.

Da die Aufführung mit mehr als vier Stunden sehr lang ist, blieben im dritten Akt einige Plätze leer. Dieser Teil des Publikums hat leider einige sängerische Höhepunkte verpasst.

Alcina: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Gelegentlich wird diskutiert, ob die ausschließlich deutschsprachigen Aufführungen an der Komischen Oper noch zeitgemäß sind. Allerdings ist es sehr erfrischend, eine so gut artikulierende Besetzung zu erleben: Fast immer konnte man verstehen, was erzählt wurde. Auch die neue Übersetzung aus dem Italienischen von Bettina Bartz und Werner Hintze ist frisch und gefällig. Zum Beispiel eine Warnung Orontes an Bradamante - "Denn sie lügt dich auch nur an!"

Die Produktion ist kurzweilig, aber man fragt sich immer wieder, was ein bestimmtes Detail zu bedeuten hat. Warum müssen die Platzanweiser am Anfang Aufruhr machen? Warum wird jeder Akt mit dem Didgeridoo-Spiel begonnen? Warum müssen alle, die gerade nicht singen, in ständiger, von der Schönheit des Gesangs und der Hauptaktion ablenkenden Bewegung sein - über die Bühne robbend, Ball spielend, schattenboxend? Schöne Stimmen, wunderbare Musik und ein hervorragendes Orchester unter der Leitung von Paul McCreesh lassen diesen blinden Aktionismus überflüssig erscheinen. Noch etwas: Die Beleuchtung. Oft blendete sie, manche Sängerin war unnötig (unbeabsichtigt?) im Schatten, die Wahl von einem grünlichen Licht war für alle Beteiligten wenig schmeichelhaft.



©www.klassik-in-berlin.de