13. September 2004
Staatsoper unter den Linden

Diventreffen am Nil

Pet Halmens Aida-Inszenierung an der Staatsoper

Programm

Giuseppe Verdi
Aida

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden

Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung, Bühne, Kostüme, Licht: Pet Halmen
Chöre: Eberhard Friedrich

Der König: Vidar Gunnarsson
Amneris: Waltraud Meier
Aida: Michèle Crider
Radames: Franco Farina
Ramphis: Hao Jiang Tian
Amonasro: Andrzej Dobber
Priesterin: Magdalena Hajossyova
Ein Bote: Peter-Jürgen Schmidt

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Diventreffen am Nil

Pet Halmens Aida-Inszenierung an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Marion Schöne


Aida - Staatsoper Berlin
Dolora Zajick (Amneris), Nina Rautio (Aida), Michael Sylvester (Radames), Kwangchul Youn (Der König)
Foto: Marion Schöne

Auch einem Regisseur muss man verzeihen können, wenn er der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte. Die Verlockung ist jedenfalls groß, die bekannteste Dreiecksbeziehung der Operngeschichte mit all dem dazugehörigen Kitsch wie Pharaonenmasken und goldenen Statuen auf die Plattform zu wuchten. Doch will man sich andererseits Unzeitmäßigkeit vorwerfen lassen? Pet Halmen versucht also den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart und lässt Aida kurzerhand im ägyptischen Museum ihre Arien schmettern. Diese Ausgangssituation bietet Halmen die Möglichkeit, sich sowohl in der Personenführung als auch im Bereich Bühne, Kostüm und Licht gehörig auszutoben. Freilich ist dabei nicht mehr als eine ästhetische Bilderfolge herausgekommen, aber auch nicht weniger.

Der anfängliche Blick in den dunkelblau gefärbten Innenraum mit rücklaufender Totenschlüssel-Uhr und den ausgestellten, dann handelnden Figuren, lassen auf optisch spektakuläre Weise den Abend in "Es war einmal"-Manier beginnen. Allein der Vergleich mit der inzwischen ausgelatschten Götz-Friedrich-Produktion (DO) von 1982, bei der Halmen noch als Ausstatter fungierte, zeigt vortrefflich, dass sich klassische Stilelemente und ein zeitgenössischer Rahmen nicht einander ausschließen müssen. Dazu gebraucht Halmen viele Symbole und Utensilien (vom Exponat zum Requisit), zwei begleitende Anubis-Figuren und einen riesigen Sarkophag in Gestalt des Gottes Ptah.


Aida - Staatsoper Berlin
René Pape (Ramphis), Staatsopernchor
Foto: Marion Schöne

Einzige Minuspunkte der Inszenierung sind die Ballettszenen und Zwischenspiele, wie beispielsweise der Sklaventanz der Mooren oder auch der Triumphmarsch, zu denen Halmen außer platter Zivilisationskritik und pseudoerotischen Spielchen nicht viel eingefallen ist. Dabei hat seine Darstellung der Geschichte dies überhaupt nicht nötig. Die Stärken liegen im Gefühl für Zeit und Raum, im Zusammenspiel der Charaktere, in den fantasievollen Kostümen und nicht zuletzt in der Ausdruckskraft der Bilder. Wenn sich zum Schluss der Sarkophag mit Aida und Radames darin schließt, Amneris und der ägyptische König wieder Platz in der Vitrine genommen haben und Verdi mit der Partitur über die Bühne schlendert, ist das schon schnulzig, aber - Hand aufs Herz - auch traumhaft schön. Wenn die Staatsoper dazu noch eine Sängerschar zusammentrommelt, nach der sich jeder Operndirektor seine zehn Finger leckt, ist der perfekte Abend nicht mehr weit.

Michèle Crider hinterlässt als Aida einen schlichtweg atemberaubenden Eindruck. Schon von Aussehen und Aura her als sensible, innerlich zerrissene Sklavin ideal besetzt, bezauberte Crider mit einem virtuosen, höhensicheren Sopran, der schier unerschöpfliche Stimmreserven aufwies. Unter ihrem gehauchten Pianissimo hört man bereits den Vulkan brodeln. Ihr Berlin-Debüt als Tosca am 23. März 05 (Deutsche Oper) sei hiermit jedem ans Herz gelegt. Manch einer hatte Waltraud Meier nach ihrer selbstverordneten, einjährigen Zwangspause im Opernbereich schon für die großen Partien abgeschrieben. Mit dieser Amneris gelang ihr jedoch ein fulminantes Comeback im italienischen Fach. Meier zog alle Register ihrer gesanglichen und spielerischen Fähigkeiten, säuselte und tobte, verführte und schrie gellend auf. Ein ohnehin dunkles Timbre und ihr facettenreicher Ausdruck machten Meier zur Rachefurie par Exellance. Franco Farina startete seinen Radames stimmlich leicht belegt, sang sich jedoch rasch frei und steigerte sich vom soliden zum strahlkräftigen Interpreten. Freilich stand er aber in puncto Bühnenpräsenz gegenüber den weiblichen Gespielinnen auf verlorenem Posten. Einzig Andrzej Dobber als Amonasro fiel aufgrund machtvoller Stimmführung und offensivem Spiel auf. Alle übrigen Solisten passten sich gut ins Sängerensemble ein, konnten aber kein ebenbürtiges Profil entwickeln.


Aida - Staatsoper Berlin
Staatsopernchor
Foto: Marion Schöne

Die üppigen Chorszenen der Aida machen einem nur durchschnittlich großen Haus deutlich zu schaffen. Gerade bei Auf- und Abgängen vermisste man manchmal Homogenität und Stärke. Dies ist aber weniger dem Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich als vielmehr dem engen Bühnenraum anzulasten. Simone Young am Pult rollte einen dezenten aber spannenden Klangteppich aus. Mit zutiefst musikalischem Gespür vermied es Young, die pompösen Szenen aufzudrehen, nahm deutlich die Bläser zurück und brachte die romantischen Stellen dafür umso stärker zum Leuchten. Mit straffen Tempi und leidenschaftlichen Ausbrüchen klang dieser Verdi erfrischend modern und entschlackt. Hoffentlich wird Young der Staatskapelle weiterhin als Gastdirigentin erhalten bleiben, wenn sie ab der Spielzeit 2005/06 Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher am Hamburger Opernhaus ablösen wird. Das Publikum war restlos begeistert. Besser kann man Musiktheater im Repertoirebereich nicht machen. Reingehen.



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