21. Januar 2004
Konzerthaus Berlin

So nicht, Herr Bell

Academy of St. Martin in the Fields gastieren zusammen mit Joshua Bell im Konzerthaus

Programm

Gioacchino Rossini
Sonate für Streicher Nr. 6 D-Dur

Henri Vieuxtemps
Violinenkonzert Nr. 5 a-Moll op. 37 in der Bearbeitung für Violine und Streichorchester

Franz Schubert
Rondo für Violine und Streichorchester A-Dur D438

Giuseppe Verdi
Streichquartett e-Moll, bearbeitet für Streichorchester

Mitwirkende

Academy of St. Martin in the Fields
Joshua Bell - Violine und Leitung

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So nicht, Herr Bell

Academy of St. Martin in the Fields gastieren zusammen mit Joshua Bell im Konzerthaus

Von Jens Paape

Das britische Ensemble Academy of St. Martin in the Field gehört zu den renommiertesten Kammerorchestern der Welt. Im Jahre 1959 wurde es von Sir Neville Marriner gegründet und setzt sich seit jeher aus Londons besten Musikern zusammen.

Zu Beginn des Abends erklang die Sonate für Streicher Nr. 6, die Rossini im Kindesalter von nur 12 Jahren komponierte. Die beiden ersten Sätze sind verspielt und erinnern stark an Mozart. Ein gutes Ensemble erkennt man unter anderem daran, dass es in der Lage ist, kleine marginale Veränderungen der Tempi - Verzögerungen oder leichtes Anziehen - wie aus einem Guss zu spielen. Die Academy gehört dazu und nutzte dieses Potential hervorragend. Der 3. Satz wird deutlich dramatischer, man könnte fast meinen, Rossini hätte ihn Jahre später komponiert. Sehr schön hier die Vorschläge und Triller in den Geigen.

Der Umbau wurde von nur einem Saaldiener geleistet, der auch mit einem kleinen Applaus bedacht wurde - Auswirkung der Sparmaßnahmen im Kulturbereich?

Joshua Bell

Joshua Bell war Solist und Star des Abends. Obwohl er sehr jugendlich wirkt, ist der amerikanische Musiker nun doch schon 37 Jahre alt und steht seit über 20 Jahren mit großen Orchestern auf den Bühnen dieser Welt. Erstaunlich daher seine Unsicherheit während der Eröffnung des Violinenkonzerts von Henri Vieuxtemps: Unruhig wartete er auf seinen Einsatz. Dann schloss er die Augen und spielte wie in einer anderen Welt. Technisch hervorragend und sauber, in der Kadenz absolut brillant und einfallsreich - aber er spielte allein. Es gab keine Kommunikation mit dem Orchester, nicht einmal mit dem Konzertmeister. Körperbewegungen, die vielleicht Einsätze oder Betonungen anzeigen sollten, waren unbeholfen und missverständlich. Letztlich leitete ausschließlich der Konzertmeister und versuchte, das Spiel des Orchesters dem Solisten anzupassen. Das Orchester spielte zurückhaltend, nur in den Passagen ohne Solostimme leistete es sich etwas mehr Ausdruck und Dynamik. Alles war auf Bell ausgerichtet.

Noch deutlicher wurde dies beim Rondo von Franz Schubert nach der Pause. Die Begleitstimmen sind hier auch von der Komposition her unbedeutend, einzig der Solist hat virtuose Passagen, die er auch auskostet. Die Academy wurde zum Begleitorchester degradiert. Das Publikum schien diese Diskrepanz nicht zu stören, der Applaus für den Solisten war nach beiden Stücken überwältigend.

Giuseppe Verdi war Opernkomponist. Mehr als 30 schrieb er, aber nur ein Streichquartett, das wir in der Bearbeitung für Streichorchester zum Abschluss geboten bekamen. Joshua Bell übernahm nun den Platz des Konzertmeisters und integrierte sich in das Ensemble. Ja, er integriert sich wirklich. Plötzlich ein völlig anderer Klang: lebhaft, ausdrucksstark, dynamisch. Die einzelnen Stimmen des Orchesters waren deutlich herauszuhören, die Musiker kommunizierten sowohl mit Blicken als auch insbesondere musikalisch. Das war die Academy, wie wir sie von vielen Konzerten und Aufnahmen schätzen und Verdis Spätwerk das mit Abstand beste Stück des Abends. Den Beifall für diese Leistung holte sich allerdings wiederum Joshua Bell allein beim Publikum ab. Nein, Herr Bell: Dies war keine Sololeistung, sondern eine des gesamten Ensembles. Und liebes Publikum, auch sie sollten dies würdigen.

Zwei Zugaben gab es noch: Ein kleines Stück von Gluck und dann einen Satz aus Vivaldis Vier Jahreszeiten. Und hier auf einmal ging es doch: Bell leitete, gab Einsätze und Betonungen, alle spielten zusammen - wenigstens für diese drei Minuten.



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