29. November 2003
Konzerthaus Berlin

Kristallklare Klangstrukturen, atemberaubende Intensität: Das Vogler-Quartett

Programm

Franz Schubert
Streichquartettsatz c-Moll D 703

Béla Bartók
Streichquartett Nr. 2 op. 17 Sz 67

Franz Schubert
Streichquintett C-Dur op. post. 163 D 956

Mitwirkende

Vogler Quartett
Boris Pergamenschikow - Violoncello

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Kristallklare Klangstrukturen, atemberaubende Intensität: Das Vogler-Quartett

Von Ingo Bathow

Vogler Quartett

Achtzehn Jahre auf dem Hochplateau einer Weltkarriere, Maßstäbe setzende Interpretationen und Einspielungen aller Hauptwerke für Streichquartett - wie schaffte es das Vogler-Quartett im "kleinen" Saal des Konzerthaus Berlin, sich noch zu steigern? Spielend, könnte man sagen, erreichte das Ensemble einen neuen Zenit, nicht zuletzt durch die kreative Interaktion mit einem weiteren legendären "Olympier" von der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin, dem Cellisten Boris Pergamenschikow.

Selbst das einleitende Fragment, Franz Schuberts Streichquartettsatz c-Moll, wirkte beim wellenförmigen Fugato der beiden Violinen wie eingraviert. Emotionaler Überschwang beim stetigen Wechsel dreier Ausdruckselemente, dem fließend-motorischen, dem lyrisch-kantablen und dem aufbrausend-dramatischen ist nicht die Klangsprache des Vogler-Quartetts, dem jeglicher Hang zur Sentimentalität ebenso fremd ist wie das heißblütige Pathos slawischen Musikantentums. Intellektuell analytisch betrachtet wirkte selbst das bisweilen mäandernde Fragment wie aus einem Guss, zumal Primgeiger Tim Vogler in diesem Werk eine strukturell tonangebende Rolle zukam, während die Motivik der anderen Instrumente deutlich auf den Hausmusikerkreis um Schubert zugeschnitten scheint.

Ganz anders Béla Bartóks Streichquartett Nr. 2, das allen Virtuosen nicht nur technische Höchstleistungen abverlangte, sondern oft vom Bratschisten Stefan Fehlandt und Cellisten Stephan Forck eine kontrastierende Textur zu den Oberstimmen forderte wie im Dialog gegensätzlicher Charaktere. Selten gelang einem Ensemble, die Architektur eines Werkes so durchsichtig zu gestalten, mächtige Unisono-Pfeiler zu setzen, satte majestätische Klangflachen einzufügen und metallisch schimmernde Motive ins Relief zu setzen und dabei stets die dynamischen Konturen des Gesamtwerkes als Einheit zur Wirkung zu bringen. Dabei entführte besonders das Allegro molto capriccioso in ein ungemein präzise konstruiertes, unheilvoll stampfendes Gebäude des Fabrikzeitalters mit einem erbarmungslos peinigenden Pizzicato-Räderwerk, welches mit folgerechter Konsequenz in den verhaltenen, ungemein intensiven Schmerzmotiven des Lento-Finales mit fast tonlosen Terzen der Violinen und gedämpften Akkorden der Unterstimmen seinen Ausklang fand. Das erschütterte Publikum antwortete mit leisem, stetig sich erwärmendem Applaus.

Boris Pergamenschikow

Sublim wurde es mit Schuberts C-Dur-Streichquintett nach der Pause, als sich das Ensemble durch das sonore Cello Boris Pergamenschikows beinahe zum Kammerorchester erweiterte und sich die Schar junger Fans auf allen Stehplätzen noch vermehrte. Ein Werk von sinfonischer Größe und Tiefe, die auch erreicht wurde, weil der Komponist nun die Violoncelli auf der gesamten Skala zwischen Kontrabass und Viola frei agieren lassen konnte. Erst jetzt war zu erkennen, wie perfekt die Spieler des Vogler-Quartetts aufeinander eingestimmt waren, denn auch wenn Pergamenschikow leise spielte, war jeder Ton deutlich zu vernehmen - was der modernen Neigung zu leichter Basslastigkeit nur entgegenkam. Besonders im paradiesischen Adagio konnte der Gast mit murmelnden Verzierungen einen kunstvollen Kontrapunkt zu den Engels- und Vogelstimmen der Violinen erzielen. Im Scherzo gelang beiden Celli ein reizvoller Bordun-Effekt, über dem die munteren Jagdrufe der Violinen eine Waldszene evozierten. Auch zur beseligenden Entrücktheit des Finale Allegretto trugen die Celli bei, wenn sie plötzlich vom martialischen Zwischenspiel zu einer reizvollen Coll'arco-Technik übergingen. Eine in diesem Maße eindringliche, dabei in allen Stimmen durchsichtige Interpretation des transzendenten Werkes bestätigte die Einmaligkeit dieses Ensembles, welches neben souveräner technischer Beherrschung eine solche Konzentration und Intensität ausstrahlte, dass sich das Publikum bei den Höhepunkten im zweiten Satz kaum mehr zu atmen traute. Grandios.



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