15. Oktober 2003
Staatsoper unter den Linden

Ein neues Ende für Puccinis Liebesdrama

Turandot an der Staatsoper mit neuem Schlussteil von Luciano Berio

Programm

Turandot
Giacomo Puccini
Luciano Berio (Vervollständigung des 3. Aktes)

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung: Doris Dörrie
Bühnenbild und Kostüme: Bernd Lepel
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich
Choreographie: Valentina Simeonova
Dramaturgie: Regula Rapp

Turandot: Sylvie Valayre
Altoum: Peter-Jürgen Schmidt
Timur: Alexander Vinogradov
Calaf: Dario Volonté
Liù: Judith Howarth
Ping: Alfredo Daza
Pang: Stephan Rügamer
Pong: Pavol Breslik
Mandarin: Yi Yang

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Ein neues Ende für Puccinis Liebesdrama

Turandot an der Staatsoper mit neuem Schlussteil von Luciano Berio

Von Jens Paape

Der Chor der Skelette steht in kleinen Boxen am hinteren Bühnenrand - angestrahlt in ultraviolettem Licht, die Boxen in Kreuzform bis zur Decke gestapelt. So beginnt szenisch das Liebesdrama um die eiskalte Prinzessin Turandot in Puccinis unvollendeter Oper. Eine hochrangige Künstlergruppe hat sich dieser neuen Inszenierung angenommen (musikalische Leitung: Kent Nagano, Inszenierung: Doris Dörrie), die besonders wegen des von Luciano Berio neukomponierten Schlußteils mit Spannung erwartet wurde.

Die Inszenierung beinhaltet viele widersprüchliche Elemente: Da sind die im Programm und auch in Vorbesprechungen immer wieder erwähnten japanischen Mangas, die in riesigen durchschimmernden und häufig wechselnden Vorhängen immer wieder auftauchen. Die Kostüme erinnern mal an Science-Fiction (Ping, Pang, Pong), mal an Latex-Fetisch-Parties (Liù, Timur) und Calaf, der Held, erscheint im Subkultur Jogginganzug auf die Bühne. Eigentlich weiß man nie, wo man sich befindet. Die Oper spielt in China, die Mangas stammen aus Japan, es gibt viele christliche Symbole (die erwähnten Skelettboxen in Kreuzanordnung, der Kinderchor in Engelskostümen aber gleichzeitig in der Funktion als Henkersgehilfen), Bilder aus den 50-er Jahren und der Moderne, in der ein überdimensionales Handy die Funktion des Gongs übernimmt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der Effekt über einer konsequenten Idee stand.

Chor und Sänger sind durchweg zu loben - alle meisterten ihre stimmlichen und schauspielerischen Rollen. Alexander Vinogradov als Timur gelang es auch am Boden kriechend mit seiner unglaublichen Stimme zu überzeugen. Sylvie Valayre als Turandot verkörperte ihre Rolle eindrucksvoll in Gestik und Mimik. Wunderschön gesungen und frech inszeniert war die erste Szene des 2. Aktes, in der das Trio Ping, Pang, Pong (Alfredo Daza, Stephan Rügamer, Pavol Breslik) - szenisch unterstützt von drei leichtbekleideten Mädchen - über Sinn und Unsinn von Turandots mörderischen Rätseln, die vielen Toten, die Liebe und das schöne Leben sinniert.

Die Staatskapelle und Kent Nagano interpretierte die wechselnden Stimmungen der Musik in allen Facetten von seicht-melodiös über modern-jazzig bis dramatisch-klangvoll präzise und engagiert. Ganz selten überdeckte der satte Orchesterklang die Stimme von Dario Volonté (Calaf).

Das von Luciano Berio als Auftragswerk neukomponierte Ende des 3. Aktes ist leise. Das Orchester spielt lange Passagen allein, die verbliebenen Sänger (Turandot, Calaf und Altoum) warten auf ihren Schlußeinsatz, in dem Turandot nun ihrer Verkleidung entblößt im Jogginganzug-Partnerlook Calaf ihre Liebe gesteht. Fast hat man das Gefühl, es müßte noch etwas passieren, als der Vorhäng fällt. So setzte auch der Schlußapplaus verhaltener ein, als der mit Bravo-Rufen gespickte Pausenbeifall nach dem ersten und zweiten Akt.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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