22. Oktober 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Messiaens atemberaubendes Quartett und mehr

Spectrum Concerts im Oktober

Programm

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier und Violoncello Nr.5 in D-Dur op 102 Nr. 2, 1815

Brett Dean
Huntington Eulogy für Violoncello und Klavier, 2001

Olivier Messiaen
Qutuor pur la Fin du Temps

Mitwirkende

Spectrum Concerts Berlin
Janine Jansen - Violine
Christian Poltéra - Violoncello
Lars Wouters van den Oudenweijer - Klarinette
David Kuyken - Klavier

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Messiaens atemberaubendes Quartett und mehr

Spectrum Concerts im Oktober

Von Nancy Chapple

Ein Kammermusikabend bestehend aus drei Werken, davon eins so herausragend, dass am Ende des Abends die erste Konzerthälfte praktisch in Vergessenheit geriet - dies bot uns Spectrum Concerts mit Ludwig van Beethoven, Brett Dean (1. Hälfte) und Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps.

Beethovens letzte Sonate für Klavier und Violoncello, op. 102 Nr. 2, ist manchmal schroff, manchmal lyrisch, immer eigen. Christian Poltéra spielte mit einem bei Spectrum neuen Pianisten, David Kuyken. Das Klavier bot ein samtenes Legato, das Cello oft plötzlich aufflammende Klänge, die aus dem Nichts kamen, manchmal grob oder kratzig, nicht verstimmt aber doch unvermittelt. Der Cellist holte alles aus seinem Instrument heraus, aber manchmal bildeten die schönen einzelne Töne keine zusammenhängende Phrase. Die beiden erlaubten sich viel rhythmische Freiheit. Trotz des klaren Kontrapunkts ist das Allegro voller überraschender formeller Wendungen. Und schon anderthalb Seiten vor dem Schluß setzt ein Pedalton auf der Tonika ein: Noch lange bevor das Stück wirklich vorbei ist, bekommen wir das Gefühl, das Ende erreicht zu haben.

Auch Deans Huntington Eulogy (2001) ist ein Duo für Klavier und Cello in drei Sätzen. Im ersten spielt das Cello Doppelgriffe nur eine kleine Sekunde auseinander, aber auch große melodische Sprünge. Der Pianist bringt die Saiten seines Instruments direkt mit einem weichen Schlägel oder den Fingern zum Klingen. Oft übernimmt das Klavier den höchsten Ton in der Cellophrase und füllt den mit neuer Farbe. Das Werk ist auf die Möglichkeiten der Instrumente abgestimmt. Hier wie schon in der Beethoven-Sonate schien das Klavier gelegentlich zu laut im Verhältnis zum Cello. Die meditative Stimmung des dritten Satzes war schön, wenn auch nicht fesselnd. Der schönste Effekt: die tiefsten Töne des Klaviers und eine wiederholte einfache Linie in der rechten Hand zusammen mit Flageolets im Cello.

Lars Wouters

Wie kann ein musikalisches Werk, in dem naturgemäß Töne immerfort weiter erklingen und Harmonien aufeinander folgen, einen Eindruck der Statik hinterlassen? Einige der acht Sätze von Messiaens 1945 komponiertem Quartett vermitteln dieses zeitlose Gefühl. Das Ganze ist in kleinen, überschaubaren Einheiten aufgebaut. Die Phrasen entwickeln sich nicht, stehen aber auch nicht still. Die Sätze werden in wechselnder Besetzung gespielt. Herausragend der Klarinettensolosatz: Hier beeindruckten besonders die langen Linien, die Palette an dynamischen Farben, z. B. ein langes Decrescendo hin zu einer sehr leisen, fast unhörbaren Stelle - und dann konnte der fantastische Klarinettist, Lars Wouters van den Oudenweijer, doch noch leiser. Auch der ekstatische Satz für Cello und Klavier, Louange à l'Éternité de Jésus, wurde meisterhaft gespielt: Ton, Timing, Farbwechsel - alles stimmte.

Olivier Messiaen komponierte auch religiöse Extase in dieses Stück hinein - keine Höhepunkte, die durch einen langen Aufbau sorgfältig vorbereitet werden, sondern einen Zustand: auf einmal, auch am Anfang eines Satzes befindet man sich an diesem erhabenen seelischen Ort oberhalb des Alltäglichen. Auf eine bestimmte Farbe kommt Messiaen immer wieder zurück: unisono Melodie-Linien in ungleichmäßigen Notenwerten. An diesen Stellen glüht die Musik von innen heraus; wenn die Klarinette zusammen mit den Streichern spielt, schimmert das Ganze noch mehr. Hier gibt es keinen Dialog, Kontrapunkt, Aufbau und Auflösung von Konflikt. Der letzte Satz ist für Geige und Klavier. Bisher kennen wir keine Solistin, die einen einfachen langen Ton so spannend gestalten kann wie die Geigerin Janine Jansen: ansetzen, tragen, nicht viel lauter werden, sondern die Spannung innerhalb des Tons, die Richtung, immer beibehalten.

Das Publikum war sich einig: Das Stück ist ein Wunder, und es war eine große Freude, einer wunderbaren Aufführung beizuwohnen.



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