16. September 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Eine Hommage an Prokofjew

Saisoneröffnung mit Spectrum Concerts

Programm

Serge Prokofjew
Sonate für zwei Violinen op. 56
Fünf Melodien für Violine und Klavier op. 35a
Quintett für Oboe, Klarinette, Violine, Viola und Kontrabass op. 39
Sonate für Violine op. 115
Sonate für Violoncello und Klavier op. 119
Ouverture sur des thèmes juifs für Klarinette, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Klavier op. 34

Mitwirkende

Spectrum Concerts Berlin
Janine Jansen - Violine
Julian Rachlin - Violine
Joël Waterman - Viola
Christian Poltéra - Violoncello
Nigel Shore - Oboe
Lars Wouters van den Oudenweijer - Klarinette
Janne Saksala - Kontrabass
Daniel Blumenthal - Klavier

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Eine Hommage an Prokofjew

Saisoneröffnung mit Spectrum Concerts

Von Nancy Chapple

Groß ist die Vorfreude im Kammermusiksaal, wenn Spectrum Concerts zur neuen Konzertsaison ansetzt: Immer wieder darf man ausgezeichnete Kammermusik in interessanten Programmzusammenstellungen erwarten. Was macht gute Kammermusik aus? Vor allem, wie zusammengespielt wird: dass man spürt, dass die Musiker ein gemeinsames Konzept von den Stücken haben und dass sie auf der Bühne miteinander im ständigen Dialog sind. Obwohl die Mitglieder von Spectrum Concerts in verschiedenen europäischen Städten wirken und daher zwangsläufig nicht nur gemeinsam proben, sind die Auftritte exquisit aufeinander abgestimmt. Auch das erste Konzert deren 16. Saison, ganz dem Werk Sergej Prokofjews gewidmet, enttäuschte nicht. Wenn Prokofjew einer von verschiedenen Komponisten im Programm ist, wirkt er munter und frech, melodisch, mitunter belanglos. Als einziger Komponist des Abends wird es klar, dass er ein Meister ist.

Julian Rachlin

Janine Jansen und Julian Rachlin spielten die Sonate für zwei Violinen op. 56 wie ein harmonisches Paar, das gemeinsam eine aufregende Geschichte erzählt. Jeder möchte seine Stimme erklingen lassen, aber ist rücksichtsvoll genug, den anderen ausreden zu lassen. Raffiniert der Kanon im zweiten Satz, bei dem die beiden Stimmen nur ein paar Schläge auseinander waren, aber die Phrasen immer wieder gemeinsam zu Ende kamen; im dritten Satz Commodo war der Wechsel zwischen Melodie- und Begleitstimme manchmal so rege, dass der Hörer kaum mitkam. Mit größter Überzeugung haben die beiden die wiederholten dissonanten Doppelgriffe des letzten Satzes zum Besten gegeben.

Nett wenn auch nicht fesselnd waren die Fünf Melodien für Violine und Klavier. Kennzeichnend für Prokofjew sind die angenehmen Harmonien, die manchen überraschenden Tönen eine scharfe Kante verleihen. Hier und auch in anderen Stücken wurde Prokofjews Vorliebe für den Klang gedämpfter Streicher offenkundig, als ob ein Schleier über den Bogenstrichen gelegt wurde.

Janne Saksala

Bei Spectrum Concerts werden die Anfänge der einzelnen Stücke oft mit solcher Inbrunst gespielt, dass man regelrecht einen Ruck durchs Publikum gehen spürt: Nach zwei Tönen ist alles da, der ganze Aufbau des Stückes. Und auch nach einem Werk geht oft ein leises, entspanntes Ausatmen durch das Publikum - als wenn jeder Einzelne die Geschichte selbst miterlebt hätte. So auch beim Quintett für Oboe, Klarinette, Violine, Viola und Kontrabass op. 39, in dem Bassist Janne Saksala auf besonders beeindruckende Weise aus dem Bass ein Melodieinstrument machte. Sein Instrument unterstützte nicht rhythmisch den Takt, sondern hat eigenständig den Ton angegeben.

Janine Jansen

Der erste Satz der Sonate für Violine op. 115 ist ein Lieblingsstück der Geiger: Doppelgriffe, Polyphonie, lyrische Stellen - durch virtuose Intensität werden wir schnell für das Stück gewonnen. Man fragt sich, warum das Geigenspiel der erst 25-jährigen Janine Jansen so mitreißend ist: Sie spielt durchgehend mit vollem Einsatz, riskiert und gibt alles. Aber das heißt nicht, dass alle Phrasen gleichbedeutend sind - größere Strukturen sind klar herauszuhören.

Daniel Blumenthal

Die Sonate für Violoncello und Klavier op. 119 stammt wie die Solosonate aus den späten 40er Jahren. Sogleich bemerkte man die wunderschönen dunklen Farben des Stradivari-Cello, auf dem Christian Poltéra spielt. Mensch und Instrument bildeten eine Einheit, kosteten die schönen Melodien aus. Gerade der Pianist Daniel Blumenthal beeindruckte hier mit seinen tragenden Melodien. Das Stück ist gewinnend - eine schöne Melodie jagt die nächste. Gelegentlich wurden einzelne Töne in der Cellostimme gedehnt oder betont, obwohl nicht ganz klar war, warum gerade dieser Ton innerhalb der ganzen Phrase so wichtig sein sollte.

Lars Wouters

Der Abend wurde mit Ouverture sur des Thèmes juifs in der Fassung für Sextett abgerundet. Jansen führte bei den sinnlichen sforzandi, Rachlin liess sich mit augenscheinlich größter Freude mitreißen. Der Klarinettist, Lars Wouters van den Oudenweijer, schien zu lächeln, während er spielte; seine Rolle im Stück war es oft, den Rest der Spieler mit dem süßlichen Thema zu zähmen, bis die Streicher wieder übernahmen und ihre starke Akzente setzten.



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