31. Mai 2003
Deutsche Oper Berlin

Antike Intrigen, herausragende Sänger, aber kein überzeugendes Regiekonzept

Semiramide an der Deutschen Oper

Programm

Semiramide
Gioacchino Rossini

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Alberto Zedda
Inszenierung: Kirsten Harms
Bühne und Kostüme: Bernd Damovsky
Chöre: Ulrich Paetzoldt

Semiramide: Darina Takova
Arsace: Jennifer Larmore
Assur: Simone Alaimo
Idreno: Gregory Kunde
Azema: Raquela Sheeran
Oroe: Reinhard Hagen
Mitrane: Yosep Kang
Der Schatten Ninos: Chong-Boon Liau
Arbate: Slavtscho Kurschumov

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Antike Intrigen, herausragende Sänger, aber kein überzeugendes Regiekonzept

Semiramide an der Deutschen Oper

Von Nora Mansmann

Semiramide

Die babylonische Königin Semiramide (bekannt als Weltwunder-Besitzerin), hat nicht nur ihre hängenden Gärten, sondern auch eine handfeste Staatskrise am Hals: Nachdem sie vor 15 Jahren ihren Gatten, König Nino, mit Hilfe ihres Liebhabers Assur gemeuchelt hat, verlangen Gesetz und das ungeduldiger werdende Volk vehement die Ernennung eines neuen Thronfolgers. Ihr Sohn Ninia, der eigentliche Erbe der Macht, ist vor 15 Jahren verschwunden - Semiramide verdächtigt Assur, darin verwickelt zu sein. Dieser wiederum verlangt von ihr, ihn selbst zum Thronerben zu ernennen, andernfalls werde er ihre Beteiligung am Gattenmord publik machen. Als Semiramide in dieser vertrackten Situation das Orakel befragt, erhält sie zur Antwort: Wenn Arsace, Oberbefehlshaber des Heeres, nach Babylon heimkehrt und Hochzeit gefeiert wird, wird auch sie Frieden finden. Semiramide schmiedet Heiratspläne, doch sie hat die Rechnung ohne Arsace, ihre Tochter Azema, deren Verehrer Idreno, den karrierebewussten Liebhaber und nicht zuletzt ohne den Geist des verblichenen Königs gemacht.

Mit Semiramide hat sich die Deutsche Oper an eine selten gespielte opera seria Gioacchino Rossinis gewagt. Das melodramma tragico findet in beklemmender Atmosphäre statt: Kalte graue Wände rahmen die Bühne ein. Nur durch riesenhafte Türen, die wie Fahrstuhlzugänge aussehen, fällt gelegentlich etwas mehr Licht. Die Kostüme sind hauptsächlich in dunklen Farben gehalten: Bernd Damovsky hat der Regie eine karge, aber durchaus ästhetische Ausstattung zur Verfügung gestellt. Schade nur, dass auch die Bemühungen der Regie (Kirsten Harms) eher karg ausfallen: Es passiert einfach zu wenig. Nun ist Semiramide ohnehin ein handlungsarmes Stück: die meisten Szenen sind Gespräche zwischen den beteiligten Personen, schließlich muss die verwickelte Geschichte aus der Vergangenheit an den Zuschauer gebracht werden. Das teilweise hanebüchene Libretto Gaetano Rossis leidet an einer viel zu ausführlichen Exposition und weiteren Längen. Insgesamt dauert die Vorstellung mehr als vier Stunden - das kann leicht ermüdend werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Übertitel sehr spärlich erscheinen, so dass beim Zuschauer das Gefühl aufkommt, Wichtiges zu verpassen.

Semiramide

Auf der anderen Seite stehen einige sehr gelungene, sogar komische Szenen, ein spannendes Ende des ersten Aktes, bei dem jeder mitfiebert - und die Musik, die Gesangskunst, die bei einer (Belcanto-)Oper natürlich ohnehin das Wichtigste ist. Darina Takova als Semiramide missglückt in dieser 3. Aufführung eine Arie, sie ist aber sonst den Abend hindurch ausgezeichnet disponiert und erntet noch tosenderen tosenden Applaus als die anderen Solisten. Auch der Krieger Arsace wird von einer Frau gesungen - die Hosenrolle ist eine Spezialität Rossinis - und Jennifer Larmore überzeugt restlos: Sie ist der Höhepunkt des Abends. Simone Alaimo (Assur), Raquela Sheera (Azema), Reinhard Hagen als Priester Oroe und die übrigen Solisten bieten ebenfalls solide und gute Arbeit. Nur Gregory Kunde (Idreno) ist offensichtlich völlig überfordert und quält hörbar sich und seine Stimme. Das Orchester unter der Leitung von Rossini-Spezialist Alberto Zedda spielt in fein zisilierten Klängen, wenn auch nicht ganz fehlerfrei. Der von Ulrich Paetzoldt einstudierte Chor kann ebenfalls überzeugen.

Semiramide

Und die Moral von der Geschicht'? Am Ende sitzt Arsace auf dem Thron, der heimgekehrte Krieger ist in Wirklichkeit der vermisste Königssohn Ninia. Bei dem Versuch, seinen Vater zu rächen und Assur zu töten, erschlägt er versehentlich seine Mutter Semiramide. Hier verdichten sich erkennbar die Ansätze einer eigenen Interpretation, die die Regie schon in den vorausgegangenen Stunden kaum wahrnehmbar eingestreut hatte: Der Oberpriester Oroe, bis dato eher im Hintergrund aktiv, hat die Geschicke des Staates in die Hand genommen, und Arsace, der nach dem Tod der Mutter selbst sterben will, als König von seinen Gnaden eingesetzt, als Marionette. Ninia lässt sich willenlos feiern, mit einem Jubelchor des Volkes endet Rossinis Oper. Aber das Bild auf der Bühne sagt etwas anders, und das Publikum bleibt allein mit der Frage nach dem Epilog. Die hängenden Gärten sind schon vor der Pause abgestürzt.



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