30. November 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Klangmagie im mystischen Raum

Das Debüt von Daniel Reuss als Chef des RIAS Kammerchores

Programm

Sergej Rachmaninoff
Drei Gesänge aus der Vespermesse op. 37

Anton von Webern
Sechs Orchesterstücke op. 6

György Ligeti
Drei Phantasien nach Friedrich Hölderlin

Alexander Wustin
To Sofia (Uraufführung)

Sofia Gubaidulina
Jetzt immer Schnee

Mitwirkende

RIAS Kammerchor
Schönberg Ensemble
Daniel Reuss - Leitung

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Klangmagie im mystischen Raum

Das Debüt von Daniel Reuss als Chef des RIAS Kammerchores

Von Ingo Bathow

Daniel Reuss

Ein Zeichen setzen konnte der neue künstlerische Leiter des RIAS-Kammerchores bei seinem Inauguralkonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie. Mit Recht wollte Daniel Reuss nicht die alte oder neuere Musik auf sein Panier schreiben. Ein Spitzenchor kann Grenzen überschreiten - deswegen hat sich Reuss die Arbeit mit "Spezialensembles" zur Aufgabe gemacht. Dabei hatte er starke Verbündete: Die Komponistin Sofia Gubaidulina, welche die Grenzen musikalischen Ausdrucks unendlich erweitert hat, und aus seinem Geburtsland Holland das Kammerorchester "Schönberg Ensemble", welches vor keinen spieltechnischen Grenzen kapitulierte.

Das Unaussprechliche, hier wird's Ereignis: Große Anstrengung hatte den Chor schon der erste Schritt in die östliche Mystik gekostet mit einem zweiwöchigen Kurs in russischer Aussprache - freilich noch ohne den Bedeutungsinhalt der Worte zu kennen und zu fühlen. Wie aber sollten die gesangstechnischen Experten die Glaubensinbrunst von Sergej Rachmaninoffs Vespermesse op. 37 einfangen und vermitteln, wo doch rituelle, liturgische Funktionen am weitesten außerhalb der Grenzen ihrer Tradition stehen? "Ich möchte, dass Feuer rüberkommt", hatte sich Daniel Reuss in einem Interview von seinem neuen Chor gewünscht. Trotzdem blieb ihm romantische Expressivität fern, der Chorklang als Ganzes behielt die helle, instrumentale Qualität einer Barockmotette. Sehr einfühlsam gelang es jedoch einigen Chorsolisten, besonders der Altistin Waltraud Heinrich mit ihrem "Blagoslovi, dushe moya", das russische Timbre einzufangen. Auch nicht in den nach technischen Effekten schmeckenden Rufen von "slava, slava" war die Präsenz des großen "Gospodin" des Himmels zu spüren - erst in der verhaltenen Invokation am Schluss, "Herr, du wirst meine Lippen öffnen", sprang der mystische Funke über.

Anton Weberns Sechs Orchesterstücke op. 6, mit denen sich das Schönberg Ensemble vorstellte, gaben einen guten Einblick in die historische Werkstatt, aus der große Teile der "Klangmodule" stammten, die für die späteren Komponisten des Abends selbstverständlich waren. Webern zerlegte die bis dahin syntaktisch geordnete Klangsprache, setzte Klangfarben und Elemente aus Melodie, Harmonie und Rhythmus so frappierend neu zusammen, dass Zeitgenossen dahinter die "lallende Ohnmacht" seiner Ausdrucksfähigkeit vermuteten - doch gerade die neuen Strukturen gaben Neuerern wie Béla Bartók den Anstoß zu einer "Dynamik der Dissonanzen", lieferten ein Instrumentarium zu Klang gewordener Emotionen, das sich mit zauberhafter Wirkung in das klangliche Universum der Sofia Gubaidulina einbringen konnte.

Die ureigene Tradition des RIAS Kammerchores konnte sich voll in der Klangmalerei von György Ligetis Drei Phantasien nach Friedrich Hölderlin entfalten - in sechzehnstimmiger "Mikropolyphonie". Hölderlin, Grenzgänger am Rande des Wahnsinns, inspirierte Ligeti zu diesen drei lautmalerischen Meteoriten verglühender Jugend. Reuss war voll gefordert, diese vokaltechnisch geradezu akrobatische Leistung zu koordinieren - gewaltige, sich in chromatischen Schritten aufschichtenden Klangflächen, unterbrochen von Verzweiflungslauten des lyrischen Ichs, vom Wehen des Windes und dem Klirren der Wetterfahnen. Klangfarben wurden sichtbar, fast unheimlich türmten sich purpurne Wolken, Reuss schien ein vokales Orchester zu dirigieren, achtete wenig auf die Aussprache: "Haben die nun in deutscher oder russischer Sprache gesungen?" fragte am Ende ein Hörer.

Eine Uraufführung gab es auch: To Sofia, eine Huldigung von Alexander Wustin an die anwesende Sofia Gubaidulina mit russischen Versen von Olga Sedakowa. Ein wunderschöner Segensspruch, fast ein Wiegenlied im Sechsachteltakt, mit warmer Stimme vorgetragen von der Mezzosopranistin Margriet van Reisen, mit lieblichen D-Dur Akkorden vom Vibraphon und Marimbaphon. Dass auch noch das Webern'sche Instrumentarium mitwirkte, um mit kleinen dissonanten Klangstrukturen etwas "Modernität" zu dokumentieren, gab dem Werk eher einen leicht parodistischen Anstrich.

Jetzt immer Schnee, Sofia Gubaidulinas Hauptwerk von 1993, verwandelte den ganzen Saal mit überall verteilten Sängergruppen und Instrumentalisten nahezu in ein ganzes Planetensystem, in dem die "Sterne des transparenten Winters" funkelten. Kosmisch, sakral, grenzenlos, in Worte nicht zu fassen ist die Kunst Gubaidulinas, Begriffe wie "der Schnee", "die Seele" und "das Licht" in Klänge zu verwandeln. Flirrendes Flageolettflüstern, unheimlicher Widerhall der "Flexitones", das Klingen und Schwingen der idiophonen Instrumente, selbst eine Kuhglocke wurde mit dem Geigenbogen gestrichen. Dann, zum irdischen Kontrast, der Höllenlärm der "Moskauer Schreckensnacht" mit ohrenbetäubend wirbelnder Basstrommel und Pauken und Effekten, die fassungslos machten. Dazu ein Aufgebot von vier Solisten (Stefanie Petitlaurent, Regina Jakobi, Volker Arndt, Ingolf Horenburg) und der Erzähler Hans-Heiner Blöß mit gutem Schulrussisch. Der Chor in nicht mehr zu zählender Stimmenvielfalt, die am Schluss in Flüstern endet, während die Klangwelt langsam knirschend und klingelnd zu Eiskristallen erstarrt.

Die souveräne Leistung des Schönberg Ensembles und seiner Primgeigerin Marijke van Kooten, die zum Schluss einige die Seele berührende Soli hinlegte, ist hier noch besonders zu würdigen. Und der Dirigent? Wie es oft so geht, wenn das Orchester ein Werk fast auswendig beherrscht, kam Reuss im Finale bisweilen die Rolle schlichten Vierviertelschlagens zu wie einem segnenden Bischof, der das Werk sich aus sich selbst entwickeln ließ. Ansonsten hinterließ der neue Chef den Eindruck von ruhiger Kompetenz, "no nonsense", mit wenig Flamboyance - und freilich auch eines Musikers, der auf Äußeres wenig Wert legt, trug er doch als Einziger ein Schwarzhemd mit reichlich "Edelknitter". Wie einige Zuhörer bemerkten, war die Bühnenetikette noch nicht ganz an Berliner Maßstäbe angepasst, hätte er doch die Solisten begleiten müssen statt verlegen auf der Bühne zu stehen. Dazu meinte ein Chormitglied kollegial: "Das wird er bei uns schon noch lernen." Aus musikalischer Sicht war das Debüt - dank seiner ruhigen und sicheren Leitung, dem intellektuellen Anspruch und spirituellen Tiefgang - ganz zweifellos ein hinreißender Erfolg.



©www.klassik-in-berlin.de