16. März 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Ein XL-Programm mit dem Rundfunkchor Berlin

Programm

Thomas Tallis
Spem in alium

Charles Villiers Stanford
Drei Motetten für Chor a capella, op. 38

Frank Michael Beyer
Et resurrexit (UA) - für 12-stimmigen Chor a capella

Antony Pitts
XL (UA) - für 40 Stimmen

Johannes Brahms
Drei Motetten - für 4- und 8-stimmigen Chor a capella, op. 110

John Tavener
Two Hymns to the Mother of God

Mitwirkende

Rundfunkchor Berlin
Simon Halsey, Dirigent

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Ein XL-Programm mit dem Rundfunkchor Berlin

Von Nancy Chapple

Rundfunkchor Berlin

Unter ihrem Chefdirigenten Simon Halsey beeindruckte der Berliner Rundfunkchor mit einem Programm aus Motetten: zwei neuen Auftragswerken, zwei Motettengruppen aus der Romantik und einem berühmten Werk aus dem 16. Jahrhundert. Spannend war schon der Anblick der 40 - in 8 Gruppen von je 5 verteilten - Notenständer zwischen den oberen und unteren Sitzreihen im Kammermusiksaal. Thomas Tallis' Spem in alium beruht auf diesen Einsatz der Räumlichkeiten: die Phrasenfragmente bewegen sich von einer Gruppe zur nächsten, so bauen sich die musikalischen Linien auf. Bei einem so exponierten Stück fällt es aber sofort auf, wenn auch ein einzelner Sänger nur einen Ton leicht verstimmt singt.

Charles Villiers Stanford, irischer Zeitgenosse und Bekannter Brahms, schrieb drei Motetten für Chor a cappella, Op. 38. Hier gelang dem Chor ein ausgesprochen satter, befriedigender Klang. Geschickt war es, die Männerstimmen vor dem Dirigenten und die Frauen in zwei Gruppen entlang der Bühnenseiten aufzustellen - so entstand das Gefühl, dass die auf dem Baß gründenden Harmoniebewegungen wirklich aus der Mitte kamen. Die dritte Motette, Beati quorum via, bot wunderschöne Wechselspiele zwischen Dur und Moll, auch die Wortmalerei bei ‚ambulat' war hinreißend.

Frank Michael Beyer hat schon mehrfach für den Chor komponiert. Sein uraufgeführtes Et resurrexit feiert das Ostergeschehen. Anfangs bewegen sich einzelne Stimmen in ganz kleinen (Tonschritten. Harmonisch reicht das Spektrum von diatonisch bis hin zu schrägen und auch unangenehmen Klängen. Stimmlich sind die vielen forte Passagen eine Herausforderung. Am ehesten zugänglich war das Alleluja. Für XL (das lateinische Kürzel für 40 [Stimmen]) von Antony Pitts, Jahrgang 1969, als Gegenstück zu Spem in alium gedacht, verteilten sich die Sänger oben im Saal, wie bei Tallis. Die außerordentliche stimmliche Präzision, mit der der Chor auch harmonisch unverwandte Tönen traf, war beeindruckend. Wunderschön, als einzelne männliche Stimmen am untersten Ende des Stimmumfangs einen Klang aufbauten, der sich ringsum durch den Chor bewegte. Eine außerordentliche Leistung wurde von einer Sängerin erbracht, die glockenklar eine Quinte über den anderen sang. In einem Interview mit Klassik-in-Berlin betonte Simon Halsey stolz, dass dieser Chor - aufgrund einer langen Tradition mit Uraufführungen - keine Angst vor zeitgenössischen Werken hat. Dies wurde bei den Beyer- und Pitts-Aufführungen ganz deutlich.

Die Brahms-Motetten Op. 110 stammen, wie die von Stanford, aus dem Chorrepertoire, in dem sich die Sänger "zu Hause" fühlen, sicher auch aufgrund der deutschen Texte. Ach, arme Welt du trügest mich kam zu einem sehr schönen Schluß, wie auch die fugato-Stelle bei "Gehorsam sein nach deinem Wort" der dritten Motette. Für die Two Hymns to the Mother of God von John Tavener teilte sich der Chor. Ein Teil blieb auf der Bühne, die anderen bildete das Echo der Engel oben im Saal. In der zweiten Hymne gibt es einen schönen Effekt: eine männliche Stimme hält einen Ton, während eine zweite diesen Ton oberhalb umspielt.

Das Programm des Abends war sorgfältig ausgewählt: sowohl die Reihenfolge der Stücke in Form eines Spiegels - alt, romantisch, neu / neu, romantisch, "wie alt", als auch die physische Choreografie - 40 Sänger bewegten sich von hoch im Saal auf die Bühne, weitere Sänger kamen hinzu, der Chor wurde geteilt und umgruppiert. Die Kommunikation zwischen Dirigenten und Chor war ausgezeichnet; die Sänger blieben in ständigem Blickkontakt mit Halsey und man spürte, dass sie eine gemeinsame Sprache gefunden haben.

Das Publikum belohnte das gelungene, kontrastreiche Programm mit anhaltendem Applaus. Der Chor bedankte sich mit einem kleinen Vorgeschmack auf das nächste große Konzert: Crucifixus aus der h-moll Messe von Johann Sebastian Bach.



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