28. November 2003
Deutsche Oper Berlin

Ein überzeugendes Ensemble in einem unspektakulären Bellini-Import

Die Wiener Produktion von I Puritani an der Deutschen Oper

Programm

I puritani (Die Puritaner)
Vincenzo Bellini

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung - Frédéric Chaslin
Inszenierung - John Dew
Bühne - Heinz Balthes
Kostüme - José Manuel Vasquez
Chöre - Ulrich Paetzholdt

Lord Gualtiero - Peter Klaveness
Sir Giorgio - Arutjun Kotchinian
Lord Arturo Talbo - José Sempere
Sir Riccardo Forth - Roberto Servile
Sir Bruno Robertson - Yosep Kang
Enrichetta di Francia - Ulrike Helzel
Elvira - Maureen O'Flynn

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Ein überzeugendes Ensemble in einem unspektakulären Bellini-Import

Die Wiener Produktion von I Puritani an der Deutschen Oper

Von Nora Mansmann / Fotos: Bernd Uhlig

Wenn Machtverhältnisse wechseln, müssen Köpfe rollen, metaphorisch oder real, seien es die von Politikern oder nur die von Statuen. Als der Vorhang sich öffnet, ist der englische Bürgerkrieg schon weit vorangeschritten, im Hintergrund stehen kopflos mittelalterliche Standbilder, auf der Bühne verteilt liegen dazugehörige Häupter im antiken Stil. Der Zug der Gefangenen schreitet vorbei, die siegreichen Puritaner führen Stuart-König Karl und seine Gattin herein - ihnen blüht dasselbe Schicksal wie den steinernen Riesen. Während des Königs Kopf schon Sekunden später von einem Scharfrichter mit absurd großem, blutigem Beil herumgezeigt wird, hat die Königin noch eine kurze Schonfrist.

I Puritani

John Dews Inszenierung der Puritaner von Bellini, die seit dem 19. November an der Deutschen Oper gespielt wird, ist eine Übernahme von der Wiener Staatsoper und schon fast zehn Jahre alt. Das ist insofern unerheblich, als die Regie sich jeglichen Kommentars aktueller Art ohnehin enthalten hat. Allenfalls durch die Mischung verschiedener Stile und Moden in der Ausstattung könnte eine Versetzung der Geschichte ins Zeit- bzw. Ortlose angenommen werden, doch auch wenn die Puritaner mit ihren langen schwarzen Haaren an Klingonenkämpfer und ihren Schwertern an Samurais erinnern, so sind sie doch durch breite schwarze Hüte und die weißen Kragen gleichzeitig deutlich im englischen Bürgerkrieg und damit im 17. Jahrhundert angesiedelt (Kostüme: José Manuel Vasquez).

Zu Beginn der Handlung befinden wir uns in der Festung des puritanischen Lords Gualtiero, der eben seine Tochter Elvira zu verheiraten gedenkt. Der Auserwählte, Gualtieros Gesinnungsgenosse Riccardo, sagt Elvira jedoch nicht zu, sie liebt den Stuart-Anhänger Arturo. Zunächst scheint dennoch alles glatt zu gehen, der verständnisvolle Onkel Giorgio setzt sich für das Romeo-und-Julia-Pärchen ein, die Hochzeit wird beschlossen, Riccardo hat das Nachsehen. Als Arturo jedoch kurz vor der Trauung die gefangene Königin in der Festung entdeckt, entscheidet er sich gegen die Liebe, für Pflicht und Mitleid. Er flieht mit der Königin, um deren Leben zu retten. Elvira, die die Unbekannte für eine Rivalin hält, verliert in ihrem Schmerz den Verstand.

Unter der musikalischen Leitung Frédéric Chaslins stürzen sich Orchester, Chor und Solisten in die rasant beginnende Handlung, hatten jedoch bei dieser 3. Vorstellung anfangs Schwierigkeiten, auf den Bellini-Schnellzug aufzuspringen. Es ruckelte hier und da im ersten Teil des Abends, mal war es ein verwackelter Einsatz, mal unsaubere Intonierung. Es dauerte einige Zeit, bis man sich einfand und bis das musikalische Zusammenspiel funktionierte. Dann aber steigerte sich das Ensemble mehr und mehr. Das Orchester spielte präzise und eher verhalten, sodass Bellinis wuchtig-patriotistische Chorszenen nicht zu pathetisch wurden und dennoch mitrissen. Mitreißend auch die Leistung des Chores (Einstudierung: Ulrich Paetzholdt).

I Puritani

Das Sängerensemble ist gut besetzt. Die krankheitshalber eingesprungene amerikanische Nachwuchssopranistin Maureen O'Flynn zeigte zwar kleine Unsicherheiten und ließ noch ein wenig Kraft vermissen, überzeugte aber dennoch als zarte, anrührende Elvira. José Sempere hat als Arturo außerordentliche Höhen zu erklimmen, und kam damit - abgesehen von kleinen Intonationsunsicherheiten - gut zurecht, doch seine metallische Stimme ist nicht jedermanns Sache. Unter den weiteren Solisten stach vor allem Arutjun Kotchinian als Giorgio hervor, der mit mächtiger, voller Stimme das Publikum für sich einnahm und im zweiten Akt mit seiner Romanze und im Duett mit Roberto Servile (Riccardo) Glanzpunkte des Abends setzte. Peter Klaveness (Gualtiero), Yosep Kang (Bruno) und Ulrike Helzel als Königin Enrichetta (die nur im 1. Akt auftaucht) vervollständigten das überzeugende Solistenteam.

Was nun aber das Besondere an dieser Inszenierung sein soll, was dazu geführt hat, sie nach neun Jahren aus Wien zu importieren, wird nicht klar. Die Regie kann es nicht sein, denn John Dews Personenführung ist durchaus konventionell: SängerInnen werfen sich in Pose und singen monologisch das Publikum an, der Chor marschiert dekorativ und singend über die Bühne. Die Statik wird ein wenig aufgehoben durch hübsches Lichtdesign im düster-grauen, aber überraschend wandelbaren Bühnenraum von Heinz Balthes, vor allem aber durch die Anlage des Werkes selbst: Abgesehen vom 2. Akt, der hauptsächlich aus der langen und breiten Darstellung und Darlegung von Elviras Trauer und Wahnsinn besteht, gibt es so gut wie keine retardierenden Momente. Erstaunlich gerafft ist vor allem der Schluss: In weniger als fünf Minuten fegt über die Bühne das glückliche Ende, die Umarmung der Liebenden, Riccardos Mord an Arturo - der widerspruchslos und ganz ohne Arie stirbt - und ein kurzes Wehklagen Elviras. Plötzlich ist der Abend zu Ende, schneller als man gucken kann.



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