16. November 2003
Philharmonie

Beethoven ohne Geheimnis

Programm

Ludwig van Beethoven
Missa solemnis op.123

Mitwirkende

Filharmonia Poznanska
Karl-Forster-Chor Berlin
Barbara Rucha - Leitung
Turid Karlsen - Sopran
Anja Daniela Wagner - Alt
Robert Wörle - Lyrischer Tenor
Karsten Mewes - Bariton

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Beethoven ohne Geheimnis

Von Robert Schmitt Scheubel

Die Filharmonia Poznanska aus dem nahegelegenen polnischen Örtchen Poznan hat sich nach Berlin, gewissermaßen in die Höhle des Löwen, gewagt und mit der Dirigentin Barbara Rucha, dem Karl-Forster-Chor Berlin und den Solisten die Missa Solemnis von Beethoven aufgeführt. Die Philharmonie war aber wohl nur zur Hälfte besetzt.

Es ist ziemlich gleichgültig, ob Beethovens Missa als Auseinandersetzung des Komponisten mit der Religion im Nachzeitalter der Aufklärung gesehen wird, als Auftragswerk zur Inthronisation seines Gönners als Erzbischof in Olmütz, oder schlicht und einfach als eines der großen Werke des Komponisten. Die Betrachtung als "großes" Werk ist sicherlich eine etwas pragmatisch-profane Sichtweise, doch zeigt sich die Richtigkeit dieser Auffassung des Werkes in der später gefundenen Bezeichnung der Missa als "Chorsinfonie mit liturgischem Text", eine Bezeichnung die schon etwas deutlicher und Beethovenischer auf die Schwierigkeiten des Werkes und die Anforderungen an die Mitwirkenden verweist. Zwar ist "Chorsinfonie" nicht ganz richtig, da symphonische Techniken und Strukturen, wie z. B. thematisch-motivische Arbeit, nicht angewendet werden - die einzelnen Abschnitte lassen sich kaum als "Sätze" deklarieren - der Begriff verweist mehr auf die Beethovensche Verwendung der menschlichen Stimme als "Instrument". Beethoven hat selten, oder besser gesagt nie auf irgendwelche Eigenheiten eines Instruments Rücksicht genommen, warum sollte er auch! Die menschliche Stimme wird als Instrument genutzt, die gefälligst in der hohen Lage genauso wie das Klavier "einfach" mit seinem Einsatz beginnen soll. Dass ein solches Beginnen selbst für einen guttrainierten Chor nicht unproblematisch ist, interessierte Beethoven auch nicht. Für die Chorsoprane bedeutet dies, dass sie echte Soprane sein müssen und nicht optimistische Mezzosoprane, die in hoher Lage verschiedene Konsonanten und Vokale (z. B. Et vitam venturi) klar artikulieren können müssen - erst dann wirkt die Passage triumphal; für die Solisten, dass sie über die Fähigkeit zu einer gewissen Dramaturgie verfügen; vom Dirigenten, der einfach wissen muß, dass Beethoven ein Rhythmiker und Dynamiker ersten Ranges ist, wird die Fähigkeit zur Differenzierung verlangt.

Barbara Rucha, die 2002 in Vergleichender Musikwissenschaft an der FU promoviert wurde, dirigierte konzentriert und hatte das Orchesterchen sehr gut im Griff - was leider einige Fehlgriffe des Orchesters nicht verhinderte. Sie wechselte, auch dies ist zu erwähnen, zwischen mit und ohne Stockstock während sie dirigierte, "nahm" aber die Missa ziemlich gelassen, gewissermaßen als ethnologisches Objekt hin und verzichtete darauf einige Passagen, die sich andere Dirigenten nicht entgehen lassen, herauszustellen. Der Aufschrei Glorificamus te ging ebenso unter wie die Solisten bei dem chorischen Miserere nobis und der Tempoumschwung der Fanfaren, eine Stelle höchster Dramatik, wurde vom Orchester nicht bewältigt. Ach ja, die Solisten: der Lyrische Tenor war an seiner Solostelle sehr bemüht den richtigen Ton zu treffen, der Sopran stellenweise kaum zu hören und im Quartett der Solisten zeigte sich ein etwas unausgeglichenes Klangbild.



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