08. November 2003
Staatsoper Unter den Linden

Die Handlung vollzieht sich im Orchester

Pelléas und Mélisande in der Inszenierung von Ruth Berghaus an der Staatsoper Berlin

Programm

Pelléas und Mélisande
Claude Debussy

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Michael Gielen
Inszenierung: Ruth Berghaus
Bühnenbild / Kostüme: Hartmut Meyer
Chöre: Eberhard Friedrich

Arkel: Kwangchul Youn
Geneviève: Barbara Bornemann
Pelléas: Roman Trekel
Golaud: Hanno Müller-Brachmann
Mélisande: Rinat Shaham
Yniold: Frederic Jost (Tölzer Sängerknabe)
Arzt / Hirt: Yi Yang

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

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Die Handlung vollzieht sich im Orchester

Pelléas und Mélisande in der Inszenierung von Ruth Berghaus an der Staatsoper Berlin

Von Melanie Fritsch

Es ist wahrlich keine leicht verdauliche Kost, die an diesem Abend den Zuschauern in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Staatsoper geboten wurde. Ruth Berghaus' Inszenierung des Debussyschen Drame lyrique Pelléas und Mélisande aus dem Jahre 1991, ihre letzte an der Berliner Staatsoper, lastet ebenso schwer wie die Atmosphäre auf Schloss Allemonde, dem hauptsächlichen Ort der Handlung.

An eben diesen Ort bringt Golaud, Enkel des Schlossherren König Arkel, Mélisande. Er fand sie auf der Jagd allein im Wald und bittet durch seinen Bruder Pelléas um das Einverständnis des Großvaters zu seiner Hochzeit mit ihr. Sie verliert jedoch Golauds Ring im Schlossparkbrunnen und wird von ihm zusammen mit Pelléas im Dunkel hinausgeschickt, um diesen zu suchen. Golaud wird nach und nach eifersüchtig, je häufiger er die beiden beieinander vermutet und lässt sie durch seinen Sohn Yniold beobachten. Bei einer heimlichen nächtlichen Zusammenkunft werden Pelléas und Mélisande schließlich von Golaud entdeckt, der seinen Bruder sofort tötet. Nach der Geburt ihres Kindes stirbt auch Mélisande.

Das Stück basiert auf einer alten flämischen Sage, die dem Symbolisten Maurice Maeterlinck als Vorlage für seinen Text diente. Als Claude Debussy im Mai 1893 eine Aufführung des Schauspiels in Paris sah, war er begeistert und entschloss sich den Text zu vertonen. Die Uraufführung seines Werkes erfolgte am 30. April 1902 in der Opéra Comique und führte zu einem regelrechten Theaterskandal. Das Wagner-gewöhnte Publikum konnte mit dieser totalen musikalischen Absage an diesen kaum etwas anfangen.

Debussys Vertonung ist eine genaue Umsetzung des Textes, Wort für Wort, und so kommt er zu einer geisterhaft raunenden Musik, die sich nie impulsiv in den Vordergrund drängt, sondern verhalten im Hintergrund bleibt. Er fängt die Transparenz und die zarte Atmosphäre des Textes genau ein und zeichnet sie musikalisch mit feinsten Linien nach, ganz nach impressionistischer Manier.

Die genaue Umsetzung der Musik Debussys scheint sich nun Ruth Berghaus als Maxime für ihre Inszenierung gesetzt zu haben, als sei es eine Reverenz an den Komponisten. Daraus ergibt sich eine düstere, aber dennoch beständig traumhaft schwebende Atmosphäre, die von einem die Darsteller erdrückenden Bühnenbild unterstützt wird. Die einzige Möglichkeit, dieser düsteren Enge des Schlosses Allemonde, welche auch Mélisande immer wieder beklagt, zu entgehen, ist die riesige Treppe des multifunktionalen Bühnenbildes, die zu ihrem Turm hinaufführt. Als Mélisande stirbt, steigt sie die Stufen hinauf und entschwindet so aus der Welt der Lebenden. Dabei lässt sie ihre Tochter zurück, die nun dazu verdammt ist, ihren Platz einzunehmen. Verdammt deshalb, weil es an diesem Ort "nur Ankommen und Dableiben, kein Wegfahren, kein Entkommen" gibt, wie das Programmbuch verrät.

Ganz dem Grundsatz "die Handlung vollzieht sich im Orchester" verpflichtet, hat Ruth Berghaus die Musik inszeniert. Niemals doppelt sich Gesungenes mit der tatsächlichen Handlung, alles bleibt traumhaft, schwebend. Doch genau das ist es, was es dem Zuschauer mühsam macht, dem Geschehen und Nicht-Geschehen zu folgen, denn auch die oft ohne feste musikalische Formen auskommende Musik Debussys bietet kaum Anhaltspunkte: Alles fließt, gleitet und droht gelegentlich auch zu entgleiten. Ruth Berghaus bietet hier eine Herausforderung, sie bildet die Vorgänge nicht nur ab, sondern setzt den Sinn um in Form. Sie geht genau ein auf die Vorlage - ein Mosaik seelischer Stimmungen und Reize. Was auf der Bühne erscheint, hat die Aura des Nicht-Ausgeführten. Nichts ist wirklich klar und eindeutig, das gilt auch für den Stückinhalt, niemand weiß etwas über Mélisande, sie ist einfach nur.

Die Besetzung des Abends lässt mit einer konstanten gemeinsamen Leistung kaum Wünsche offen und unterstützt somit die Konzeption der verstorbenen Regisseurin ohne Ausnahme. Der unumstrittene "Star" des Abends jedoch war das Orchester unter der Leitung Michael Gielens, dem es gelang, die Musik beständig im Hintergrund zu halten und als schwebenden zarten Klangschleier zu interpretieren.

Es ist nicht leicht, die mehr als 3 Stunden dauernde Aufführung über beständig bei der Sache zu bleiben, dazu fordert Ruth Berghaus ihren Zuschauer zu sehr. Doch es lohnte sich auf jeden Fall, die Herausforderung dieser wahrscheinlich zum letzten Mal wieder aufgenommenen Inszenierung noch einmal anzunehmen.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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