20. November 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Frühling-Intermezzo-Sommer-Intermezzo-Herbst-Intermezzo-Winter

Das Ensemble Oriol spielt Vivaldi und Harneit

Programm

Johannes Harneit
Zwölf Sätze für Streicher nach den Petit Chorals von Erik Satie

Antonio Vivaldi
Vier Jahreszeiten

im Wechsel mit

Johannes Harneit
Drei Intermezzi op 14 Nr. 1-3 zu Vivaldis Vier Jahreszeiten

Mitwirkende

Ensemble Oriol Berlin
Anriadne Daskalakis - Violine
Sergio Azzolini - Fagott
Sebastian Gottschick - Konzertmeister (Vivaldi) und Dirigent (Harneit)

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Frühling-Intermezzo-Sommer-Intermezzo-Herbst-Intermezzo-Winter

Das Ensemble Oriol spielt Vivaldi und Harneit

Von Jens Paape

20:00 Uhr. Das Ensemble betritt die Bühne - Applaus. Der Dirigent betritt die Bühne - Applaus - halt, nein, doch nicht der Dirigent. Es war Johannes Harneit, der Komponist einiger Stücke des Abends, der mit ein paar Worten das Publikum auf seine Werke einstimmen wollte. Besonders ging er auf seine Intermezzi zu Vivaldis Vier Jahreszeiten ein. Zunächst beruhigte er das Publikum: Er habe keine Note an Vivaldi geändert, es wäre also ein uneingeschränkter Genuss. Dann forderte er das Publikum auf, sich die Jahreszeiten als je ein Gemälde und seine Intermezzi als spezielle Spiegel vorzustellen. Der erste Spiegel dehne, der dritte stauche und der zweite sei kaputt. Trotz Schmunzeln und Beifall wußten wir sicher dennoch nicht, was uns erwartete.

Der musikalische Teil des Abends begann mit Zwölf Sätzen für Streicher nach den Petits Chorals von Erik Satie, die Harneit als Grundlage einer Klangstudie für Streichorchester benutzt hat. Die einzelnen Sätze waren sehr kurz, teilweise nur wenige Sekunden lang. Die Stücke selbst haben keine Substanz und bestehen aus wenigen einzelnen Tönen und einfachen Harmoniefolgen. Das Ziel Harneits, das Klangspektrum der Streicher mit den unterschiedlichsten Spieltechniken zu erkunden und darzustellen ist sicher gelungen, aber vielleicht hätte eine anspruchsvollere Grundlage oder eigene Komposition die Zuhörer mehr gefesselt. Einzig herausragend der letzte Satz, in dem einige Musiker im Spiel ihre Instrumente umstimmen mußten, um dann die letzten Takte gemeinsam mit dem sauber gestimmten Rest zu spielen. Hier entstand ein Spannungselement, das bei den anderen Sätzen fehlte.

Ariadne Daskalakis

Die Vier Jahreszeiten wurden vom Ensemble Oriol in bekannter professioneller, energiegeladener, lebhafter und durch Spielfreude gekennzeichneten Art dargeboten. Immer wieder fällt die intensive Kommunikation zwischen den Musikern auf. Nicht nur die Stimmführer tauschen ständig Blicke aus, mit denen Einsätze abgestimmt werden, auch die Freude über gelungene Passagen wird untereinander vermittelt. Ariadne Daskalaski als Solistin führte sehr zurückhaltend, integrierte sich trotz herausgehobener Stellung ins Ensemble. Auch hier immer wieder Blickkontakt. Sie spielte nah an den Noten, gönnte sich nur kleine Freiheiten. Insgesamt waren die Tempi moderat, manchmal hätte man sie einen Tick schneller gewünscht.

Sergio Azzolini

Harneits Intermezzo I baute sehr schnell eine ungeheure Spannung auf. Enge Tonabständen (teilweise Sekunden-Doppelgriffe in der Sologeige), anschwellende und abrupt abbrechende Klänge, vielfach dissonant aber nicht schmerzhaft. In der zweiten Hälfte wurde das Stück leiser und ruhiger. Herausragend hier das Fagott, das zwar praktisch nur einen Ton zu spielen hatte, diesen aber in Rhythmus und Tongebung variierte, häufig überblies und fast klang wie Ian Andersons Querflöte bei Jethro Tull. Für einige im Saal war das Intermezzo etwas zu lang, sie wurden unruhig. Erst beim letzten Ton mündeten die Dissonanzen in einen Unisono gespielten Ton, um dann nahtlos in den Sommer überzugehen. Plötzlich wurde Harneits Konzept klar: Er griff nicht Themen von Vivaldi auf, sondern Stimmungen. Der Beginn jedes Intermezzos hatte den Charakter des letzten Satzes der vergangenen Jahreszeit und glitt dann unmerklich über in den Beginn der nächsten. Besonders deutlich wurde dies später beim Intermezzo III.

Im Sommer ist besonders der 3. Satz hervorzuheben, der mit einer unglaublichen Intensität gespielt wurde, bei der es die Musiker kaum auf den Stühlen hielt.

Das Intermezzo II wurde, wie von Harneit angekündigt, in der Pause und überall gespielt. Einige Musiker blieben im Saal, eine kleine Gruppe aus Bratsche, Cello und Gitarre platzierte sich im Café. Andere wanderten einzeln mit ihren Instrumenten über Treppen, Podeste und durchs Foyer - alle ständig in Bewegung. Aufgrund der allgemeinen Unruhe und der vielen umherstreifenden Zuhörer - viele nutzten die Gelegenheit, standen dicht bei den Musikern und spähten mal in die Noten - war hier die Kommunikation etwas schwierig: wenn die Geigerin im Foyer dem Cellisten auf der Empore ihren Einsatz ankündigen wollte, wurde schon mal mit dem Bogen gewunken.

Hier zeigte sich besonders deutlich die Zweiteilung des Publikums: Ein Teil kam sicherlich nur wegen Vivaldis Jahreszeiten - die kennt man ja, da kann man nichts falsch machen. Einige klopften den Rhythmus auf den Schenkeln mit, andere raunten sich am Beginn jedes Satzes zu: "Ach, das Stück kenn' ich, das ist toll" - grrrrrr. In der Pause konnte man die unterschiedlichen Reaktionen auf Harneits Musik besonders gut beobachten: Sie reichten von großem Interesse (der Komponist wurde immer wieder angesprochen) über zaghafte Neugier bis hin zu kopfschüttelnder Ablehnung.

Harneit erklärte mir, dass das Konzept "in getrennten Räumen" für das Intermezzo II von Anfang an von ihm so geplant war, sich aber immer an die räumlichen Gegebenheiten anpasse. Ziel sei es, den Übergang zum Herbst unmerklich zu gestalten, die klare Trennlinie zu verwischen. Zum Spiel des Quartetts füllte sich der Saal nach und nach mit Publikum und Musikern und mit nur wenigen Sekunden Unterbrechung mündete Intermezzo II tatsächlich fast nahtlos in den Herbst.

Intermezzo III war das kürzeste. Hier wurde ganz deutlich, wie Harneit den Charakter des Herbst aufgreift und in den des Winter überführt. Der 1. Satz des Winter mit dem ausgesprochen prägnant gespielten Anfang und den dramatischen Wechseln zwischen zarten Streichern und energischen Tutti war ein Traum.

Zum Schluss konnte man nicht unterscheiden, wer was beklatschte - Ensemble, Solistin oder die neuen Werke. Aber in einem Punkt waren sich alle einig: Eine wunderschöne, mitreißende Darbietung.



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