19. September 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Chromatik über die Jahrhunderte

Das Ensemble Oriol und das Klavierduo Grau/Schumacher bewegten sich von Ganztönen bis zur Auflösung der Tonleiter

Programm

Johann Sebastian Bach
Fuga ricercata a 6 aus dem Musikalischen Opfer c-Moll BWV 1079

Ivan Wyschnegradsky
aus 24 Präludien in der 13-tönigen diatoniserten Chromatik op 22

Johann Sebastian Bach
Canon per tonos aus dem Musikalischen Opfer c-Moll BWV 1079

Giacinto Scelsi
Natura renovatur für 11 Streicher

Johann Sebastian Bach
Ricercar a 3 aus dem Musikalischen Opfer c-Moll BWV 1079

Giacinto Scelsi
Elohim für 10 Streicher

Wolgang Amadeus Mozart
Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365

Mitwirkende

Ensemble Oriol Berlin
Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher
Bernhard Forck, Einstudierung (Bach, Mozart)
Steffen Tast, Dirigent (Scelsi)

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Chromatik über die Jahrhunderte

Das Ensemble Oriol und das Klavierduo Grau/Schumacher bewegten sich von Ganztönen bis zur Auflösung der Tonleiter

Von Jens Paape / Foto: Johannes Grau (Grau/Schumacher)

Das Ensemble Oriol ist bekannt für seine ideenreiche und ungewöhnliche Aufführungspraxis: Beim Eröffnungskonzert der Saison 2003/2004 erlosch das Saallicht und in der Dunkelheit erkannte man schemenhaft die beiden Pianisten zu ihren Instrumenten gehen. Einige Zuhörer tuschelten: "Da ist wohl der Scheinwerfer kaputt". Aber nach einigen Sekunden setzte von den oberen Zuschauerrängen die Bratsche mit dem Thema des Ricerca a 6, einer sechsstimmigen Fuge aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach, ein. Oriol interpretierte das Stück in der Besetzung als reines Streichsextett ohne Dopplung der Stimmen - so fiel es leicht, den einzelnen Stimmen zu folgen.

Grau/Schumacher

Ohne Applaus aufkommen zu lassen, setzte das Klavierduo Andreas Grau und Götz Schumacher mit dem ersten von 5 Präludien aus Ivan Wyschnegradskys 24 Präludien in der 13-tönigen diatonisierten Chromatik ein. Auch wenn man wußte, dass die beiden Flügel im Vierteltonabstand gestimmt sind, waren die ersten Töne ungewohnt, es klang einfach "verstimmt". Aber bereits nach wenigen Takten hatte man sich eingehört und begann die ausgesprochen raffinierten Möglichkeiten dieser Stimmung zu genießen. Dissonanzen aus kleiner oder großer Sekunde ist der moderne Konzertbesucher ja inzwischen gewöhnt und schätzt sie als Spannungselement in der Musik. Die Möglichkeiten, die sich durch Vierteltonabstände ergeben, gehen noch weit darüber hinaus. Manchmal hatte man den Eindruck eines Glissandos - eigentlich unmöglich auf einem Klavier. Erstaunlich war, dass die Stücke nicht -wie man vermuten könnte- durchgehend "dissonant" oder "verstimmt" klangen. Auch wenn beide Pianisten spielten, gab es viele harmonische Phasen, Auflösungen, Ruhepunkte. Um diese und andere Raffinessen auszuschöpfen, bedarf es eines ausgesprochen gutem Verständnis im Zusammenspiel. Andreas Grau und Götz Schumacher waren in ständigem Blickkontakt und genossen das Stück sichtlich. Die Präludien selbst waren vielseitig: mal sanft-melodiös, mal rasant-rockig. Schade, dass das Programm nur 5 der 24 Präludien zuließ.

Der Canon per tonos aus dem Musikalischen Opfer wurde -nun von einem Streichquartett- wieder in den oberen Rängen gespielt. Die für diesen Canon charakterische Chromatik (jede Stimme setzt einen Ganzton höher ein) wurde von den Musikern durch starke Betonung der Einsätze sehr deutlich und damit transparent gemacht.

Ensemble Oriol Berlin

Die Kompositionen von Giacinto Scelsi gehen über Vierteltonstimmung hinaus, ja lösen das bekannte Tonleitersystem praktisch vollständig auf. Natura renovatur breitet einen Klangteppich aus, in dem die einzelnen Stimmen der 11 Streichern untergehen. Nur selten ragt ein Ton heraus, übernimmt die Führung zum nächsten Gesamtklang. Stellen Sie sich einen Insektenschwarm vor: Ein gleichmäßiger, geschlossener Klang in vielen Frequenzen, viel Bewegung ohne das in der Gesamtheit etwas passiert und dann plötzlich ein Ereignis, das den Schwarm in Aufregung versetzt, bevor es im nächsten geschlossenen Klang wieder zur Ruhe kommt. Das Stück setzt gelegentliche Akzente durch gezupfte Töne, spät einen Höhepunkt, bei dem die Bässe in den tiefen Lagen spielen, um dann wieder in flirrenden, zarten Klängen zu verschwinden. Obwohl mit großer Präzision und Einsatz gespielt, bietet das Stück wenig, an dem sich der Hörer orientieren kann: Es gibt kein Thema, keine Melodie und die Rhythmen sind zu flüchtig, um ihnen folgen zu können.

Nach dem zusätzlich ins Programm genommenen, auf dem Cembalo gespielten Recercar a 3 aus dem Musikalischen Opfer, wurde das zweite Stück von Scelsi jetzt von 10 im gesamten Konzertsaal verteilten Streichern gespielt. Elohim ist wesentlich vielseitiger in den Klangfarben als Natura renovatur. Anschwellende Bässe auf den oberen Rängen, zarte Violinen von den Seiten und ein Streichquartett auf dem Podium. Es gibt viele Glissandi, häufig einzelne Töne, die von den anderen in sehr engen Tonabständen umspielt werden, um dann kurz in einem einzigen Klang zu münden, bevor ein weiteres Glissando zum nächsten Klang überleitet. Auch den Musikern sah man an, dass dieses Stück "mehr Spaß" macht.

Für viele Besucher sicherlich der Höhepunkt: Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester. Häufig gibt es bei Klavierkonzerten das Problem fehlender Abstimmung zwischen Solisten und Orchester. Jeder macht "sein Ding" und der Dirigent hat die Aufgabe, alles zusammenzuhalten. Ganz anders bei Grau/Schumacher und dem Ensemble Oriol: Obwohl ohne Dirigenten gespielt, waren Orchester und Solisten eine Einheit - beide Gruppen hörten sich gegenseitig zu, nahmen aufeinander Rücksicht, aber stachelten sich auch mit ihrer Spielfreude und Intensität zu Höchstleistungen an. Bei reinen Klavierpassagen sah man, wie sich die Pianisten mit großer Begeisterung und auch Routine "die Bälle zuspielten". Auch schwierige Passagen, verzahnte schnelle Läufe, spielte das Duo mit einem Lächeln auf den Lippen, um sich am Ende dem Orchester zuzuwenden und deren Einsatz zu verfolgen. Das Orchester konnte sich bei den Tutti zurückhalten, um die Pianisten nicht zuzudecken, in deren Pausen aber regelrecht explodieren und das Stück an sich reißen. Bernhard Forck als Konzertmeister und Anna Carewe als erste Cellistin leiteten das Orchester mit großem Einsatz. Das Publikum dankte den Musikern mit lang anhaltendem Applaus.



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