4. Juni 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Schönes und Schräges in ungewöhnlicher Form

Das Ensemble Oriol begeistert mit Können und Engagement

Programm

Ralph Vaughan Williams
Fantasia on a Theme by Thomas Tallis für doppeltes Streichorchester

Zwischenspiel
Musik: Franz Schuberts Streichquartett d-Moll (Aufnahme des Britten Quartet)
Text: Wilfried Owen The Parable of the Old Man and the Young (Sprecher: Philip Mayers)

George Crumb
Black Angels (Thirteen Images from the Dark Land) für elektrisches Streichquartett

Michael Tippett
Fantasia concertante on a theme of Corelli für zwei Soloviolinen, Solocello und Streichorchester

Arcangelo Corelli
Concerto grosso F-Dur op. 6 Nr. 2 für zwei Soloviolinen, Solocello und Streichorchester

Mitwirkende

Ensemble Oriol Berlin
Ariadne Daskalakis, Violine
Florian Donderer, Violine
Christoph Starke, Viola
Anna Carewe, Violoncello und Leitung

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Schönes und Schräges in ungewöhnlicher Form

Das Ensemble Oriol begeistert mit Können und Engagement

Von Nancy Chapple

In einem ausgezeichneten Kammerkonzert inszenierte das Ensemble Oriol Berlin auf ungewöhnliche Weise vier eng aufeinander abgestimmte moderne und barocke Werke. In beiden Hälften glitt das erste Stück ohne Bühnenumbauten und auch ohne Beifall in das zweite hinein.

Ralph Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis ist ein ansprechendes, mittelalterlich klingendes Werk für Streichorchester. Die Harmonien sind zugleich schlicht und raffiniert: ohne Dissonanzen landen wir immer wieder in überraschenden Gefilden. Offene Klänge entstehen durch auf offene Quinten gebaute Akkorde. Da das Ensemble ohne Dirigenten spielte, wandte sich die Gruppe (27 an der Zahl) in einem Kreis nach innen. Dieser Aufbau spiegelte sich auch in der Geschlossenheit des Vortrags: Gespielt wurde mit einer leidenschaftlichen Intensität und man spürte, dass schon in der Vorbereitung alle mit viel Diskussion und Engagement an der Interpretation mitgewirkt haben.

Der Saal wurde dunkler und auch im übertragenen Sinne verdüsterte sich der Himmel beim Vortrag eines Gedichtes von Wilfried Owen zum Mord von Abram an seinen eigenen Sohn Isaak. Währenddessen bewegten sich die vier Solo-Streicher des Abends leise auf ein mit Schlagzeuginstrumenten, Gläsern und Mikrophonen vorbereitetes Podest, um unvermittelt mit schrillem Tremolo George Crumbs Black Angels für elektrisches Streichquartett zu beginnen. Inbrünstig führten sie die Zuhörer auf eine Reise durch eine bedrohlich dunkle Landschaft. Die Komposition tastet sich mit fremden, manchmal auch häßlichen Effekten an die Schmerzgrenzen der Zuhörer heran: kratzige Doppelgriffe unterhalb des Stegs gestrichen, gegeneinander laufende Glissandi und mit dem Vorschlaghammer bearbeitete Gongs. Neben ins Mikrofon gezischten und gesprochenen Wörtern gab es auch sehr schöne Stellen für gestimmten Weingläser oder zarte, auf dem Griffbrett gestrichene Töne. Das Publikum reagierte mit großer Begeisterung.

Ensemble Oriol Berlin

Die Solisten - Ariadne Daskalakis und Florian Donderer auf Violine, Anna Carewe auf Violoncello - waren in den beiden Stücken der zweiten Hälfte besonders zu bewundern. Jetzt dem Saal zugewandt spielten sie Michael Tippetts Fantasia Concertante on a Theme of Corelli und das von Tippett als Vorlage verwendete Concerto Grosso F-Dur von Corelli. Tippetts Stück nimmt immer wieder Phrasen von Corelli auf und leitet dann in einen strebenden, drängenden Kontrapunkt. Ein beeindruckender Höhepunkt entsteht durch übereinander aufgebaute Linien: Celli und Baß tief, Geigen doppelt so schnell oben drüber. Nahtlos schloß das Konzert mit einer energischen und stolzen Interpretation des Concertos von Arcangelo Corelli.

Beeindruckend den ganzen Abend hindurch: der Einsatz und die spürbare Leidenschaft der Cellistin Anna Carewe, als Solistin und künstlerische Leiterin des Abends. Das Ensemble strahlte in einer Form ihre Liebe zum Musizieren aus, dass es eine Freude war, dabei zu sein.



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