29. Oktober 2003
Deutsche Oper Berlin

Valery Gergiev zeigt Berlin die russische Seele

Das Mariinsky Theater zu Gast bei den Festwochen

Programm

Serge Prokofiew
Kantate zum XX. Jahrestag der Oktoberrevolution

Dimiti Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 4 c-moll op. 43

Mitwirkende

Orchester und Chöre des Mariinsky Theaters
Valery Gergiev - Leitung
Andrei Petrenko - Choreinstudierung

Polizeiorchester Berlin
Peter Feigel - Einstudierung

Ramona Nestler, Uta Albrecht, Katja Kulas, Marcus Moede - Bajan

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Valery Gergiev zeigt Berlin die russische Seele

Das Mariinsky Theater zu Gast bei den Festwochen

Von Nancy Chapple

Im Jahre 1936 - in einer von inneren Konflikten geprägten Zeit in der Geschichte der jungen Sowjetunion - schrieben sowohl Sergei Prokofjew als auch Dmitri Schostakowitsch größere Werke. Was erlebt man, wenn beide von echten Kennern der russischen Tradition, nämlich dem Orchester und den Chören des Mariinsky Theaters unter der Leitung von Valery Gergiev, in einem abendfüllenden Programm aufgeführt werden?

Prokofjews Kantate zum XX. Jahrestag der Oktoberrevolution kann nicht losgelöst von den politischen Umständen betrachtet werden. Menschlich war Prokofjew selbst politisch ziemlich naiv und hoffte nur auf eine gelungene große Aufführung. Aber die Texte sind von Lenin und Stalin ("wir müssen bewaffnete Arbeiter mobilisieren"; "Es bereitet uns Genugtuung und Freude zu wissen, wie unser Volk einen historischen Sieg errang, der von weltweiter Bedeutung ist"), und es gibt die große Besetzung einschließlich Militärkapelle und Akkordeon-Ensemble und den geplanten Anlaß (obwohl doch vom Komitee für Kunstangelegenheiten von den Feierlichkeiten ausgeschlossen). Die langen Melodien werden hauptsächlich vom Chor vorgetragen, die aggressiven, lauten Töne vom Orchester gespielt. Das Stück ist kurzweilig und abwechslungsreich; kein Teil wird lange ausgekostet oder wiederholt. Es gibt ein paar ungewöhnliche Effekte: der Orchesterklang mit Bajans (Knopfakkordeon) aufgefüllt, Fußstapfen in den tiefen Streichern, Sirenen, sogar die kurze Erscheinung einer Lenin-Figur ("in 2-3 Tagen werden wir siegen"). Dass die "patriotischen" Worte ohne Ironie vorgetragen (und gut lesbar als Übertitel projeziert) werden, war vermutlich die Ursache der lauten Buh-Rufen am Ende des Stücks - die aber im Laufe des langen Beifalls doch von Bravos überstimmt wurden.

Gergiev hat einen sehr aktiven Dirigierstil und ist viel in Bewegung. Als Taktstock benutzte er einen sehr kleinen Stab in der Größe eines Streichholzes. Mit flatternden Handbewegungen modulierte er die Farben im Orchester. Die Klangebenen waren immer durchsichtig: Man hörte gleichermaßen die Details und auch den großen Zusammenhang.

Schostakowitsch hat seine 4. Sinfonie zeitgleich mit Lady Macbeth von Mzensk komponiert, der Oper, die ihn "ins Fadenkreuz des stalinistischen Terrors gerückt hat". Schon die ersten Phrasen sind grimmig, mit scharfen Gesten gespickt, z. B. kurze, abrupte Phrasen aus 2 Tönen, Holzbläser, die sich über die heile Welt lustig machen, schroffe Bogenstriche in den Streichern. Jede einsetzende Melodie wird von einer Gegenstimme begleitet, die das Lyrische sogleich konterkariert. Crescendi können in ihrer unvermeidlichen Direktheit erschreckend wirken. Manches ist mit einem ironischen Humor durchzogen, so die Farbakzente im Schlagzeug auf dem 2. und 3. Schlag im Moderato con moto. Von den Instrumentalgruppen müssen die Hörner und Fagotte und im allgemeinen die Holzbläser besonders gelobt werden. Der zwitschernde Vogelgesang im letzten Satz ist nur eine kurze Episode bei den sonst bedrohlich dunklen Farben. Zum Schluß eine rhetorische Frage: Wie lang kann ein schimmernder Schlußakkord weiter glänzen? Gergiev hielt uns alle eine ganze Zeit lang in seinen Bann.

Der Saal tobte und tobte, die Buh-Rufe nach Prokofjew waren vergessen. Wahrscheinlich können wir im Jahre 2003 doch besser mit der tragischen Ironie Schostakowitschs musikalischer Sprache leben.



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