19. Februar 2003
Philharmonie

Ein Kissin Klavierabend

Programm

Franz Schubert
Sonate No. 22 für Klavier B-Dur, D. 960

Schubert - Liszt
Lieder-Bearbeitungen:
Ständchen, Das Wandern, Wohin?, Aufenthalt

Franz Liszt
Sonetto Nr. 104 del Petrarca
Mephisto Walzer Nr. 1

Mitwirkende

Jewgenij Kissin, Klavier

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Ein Kissin Klavierabend: das Berliner Publikum jubelt

Von Nancy Chapple

Jewgenij Kissin

Was passiert heutzutage, wenn ein ehemaliges Wunderkind erwachsen wird? Entweder verschwindet es von der Fläche - oder es wird mit den richtigen Stücken in der geeigneten Ambiente vermarket. Jewgenij Kissin ist so ein Phänomen. Er war schon mit 15 äußerst erfolgreich und er scheint die richtigen Manager und Promoter zu haben. Wenn er weiterhin so geistreich Klavier spielt, lassen sich seine Konzertkarten und CDs sicher über Jahrzehnte hinweg verkaufen.

Im ersten Satz von Franz Schuberts postumer B-Dur Sonate, D. 960, gab Kissin dem Wort 'durchsichtig' neue Bedeutung. Er spielte höchst bedächtig: jede kleine Variation eines Begleitmusters der linken Hand fiel auf, jeder noch so kleine harmonische Wechsel wurde ausgekostet. Im Andante sostenuto wurden marginale Veränderungen in der Lautstärke über lange Strecken mit einer immensen dynamischen Palette dosiert. Er bot eine ungewöhnliche Interpretation des Mittelteils in A-Dur an: ganz gerade, ohne Ironie oder Koketterie. Viele moderne Interpreten hätten eine ironische Distanz zum Stoff aufgebaut. Auch differenzierte Kissin wunderschön zwischen Stimmen: die Altstimme sang die Melodie, der Bass trug das Ganze leise nach vorne, ganz oben klang gelegentlich die Sopranstimme durch. Er hatte kein Erbarmen mit den vielen Hustern und schritt direkt in den dritten Satz hinein. Hier war die Interpretation persönlicher, weniger orthodox. Und das schnelle Allegro, ma non troppo verdeutlichte, warum keine Pausen zwischen den Sätzen erlaubt wurden: Die Sonate bildete ein zusammenhängendes Ganzes.

Die zweite Hälfte des Programms bestand aus vier von Franz Liszts bearbeiteten Schubert-Liedern und zwei originalen Liszt-Klavierwerken. Dass Kissin genau diese Reihenfolge wählte, zeugt von einem guten Gespür für den Aufbau von Spannung beim Publikum. Das erste Lied, Ständchen, war noch nahe an Schubert, aber mit einem deutlich intensiveren dynamischen und emotionalen Spektrum. In Wohin? war der Ton einmalig leuchtend. Die kurzen Verzögerungen vor den wichtigsten Noten der Phrasen kamen einem nicht manieriert, sondern einfach richtig vor. Im vierten Lied, Aufenthalt, wurde Liszt richtig virtuos - und pathetisch, vielmehr Liszt/Kissin als Schubert. In Liszts Sonetto Nr. 104 zeigte uns der Pianist wieder seine wunderschöne Tongebung und lange Phrasen. Die Aufführung des Mephisto Walzers befand sich auf der Grenze zwischen Spontanität und mechanischer Steuerung: die Tempi wurden so schnell wie gerade noch menschlich möglich, das Volumen bis auf immense Werte gesteigert. Und das Publikum tobte.

Kissin spielte drei Zugaben, die den selben Spannungsbogen wie das Programm insgesamt beschrieben: ein lyrisches, tief empfundenes Schubert-Impromptu, eine Liszt-Schubert Liedbearbeitung und zum Schluß ein bombastisches und populäres Liszt-Werk - von Schubertscher Schlichtheit zu übertriebenen Liszt-Gesten.

Trotz Kissins unglaublichen pianistischen Könnens und seiner gelungenen Interpretation des wohlgewählten Programms, konnte man sich nicht ganz des Eindrucks einer gekonnten Inszenierung entziehen.



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