13. Oktober 2003
Philharmonie

Wie schnell kann man hören, Nigel?

Ein mitreißender Vivaldi von Nigel Kennedy und dem "Collegium"

Programm

Antonio Vivaldi
Konzert für zwei Violinen, Streicher und Cembalo A-Dur (F.1 Nr.175 op.3 Nr.5) RV 519
Konzert für zwei Violinen, Streicher und Cembalo C-Dur (F.1 Nr.43, TOMO 112°) RV 507
Konzert für zwei Violinen, Streicher und Cembalo D-Dur (F.1 Nr.35) RV 511
Konzert für zwei Violinen, Streicher und Cembalo a-Moll (F.1 Nr.177 op.3 Nr.8) RV 522

Die vier Jahreszeiten op.8 Nr.1-4

Extras:
Luciano Berio
Geigenduo
Johann Sebastian Bach
Aus den Zweihändigen Inventionen (Nr.1,4,14,8,6)

Mitwirkende

Nigel Kennedy

"Das Collegium" mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker
Daniel Stabrawa - Violine Solo
Olaf Maninger - Violoncello Solo

1. Violine - Bastian Schäfer, Alessandro Cappone, Rainer Sonne
2. Violine - Axel Gerhardt, Christoph Streuli, Hrafuhildir Atladottir
Viola - Wilfried Strehle, Christiane Hörr, Wolfgang Talirz
Violoncello - Martin Menking, Rudolf Watzel
Kontrabass - N.N.
Cembalo - Bogumila Gizbert-Studnicka
Laute - Taro Takeuchi

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Wie schnell kann man hören, Nigel?

Ein mitreißender Vivaldi von Nigel Kennedy und dem "Collegium"

Von Nancy Chapple & Jens Paape

"Na, wie hat es dir gefallen?", wurde ein älterer Herr von seinen jüngeren Begleitern nach dem Konzert im Foyer gefragt. "Wahnsinn, er ist großartig. Er liebt es zu spielen und wenn das Publikum und seine Mitmusiker bleiben würden, würde er sicher die ganze Nacht spielen." Das war eine Stimme zum Konzert von Nigel Kennedy, der gemeinsam mit 16 Musikern der Berliner Philharmoniker mehrere Vivaldi-Konzerte, Die vier Jahreszeiten und einige Extras zum Besten gab. Aber dem tosenden Schlußapplaus nach zu urteilen, haben wohl alle so gedacht. Kennedy spielte zwar nicht die ganze Nacht, aber 3 Stunden sind nicht nur für ein klassisches Konzert ungewöhnlich lang.

Julian Rachlin

Überhaupt war an diesem Abend eigentlich alles ungewöhnlich: Welcher andere ernstzunehmende klassische Musiker unterhält sich schon mit dem Publikum? Scherzt offen mit den anderen Musikern? Läßt Applaus zwischen gelungenen Sätzen nicht nur zu, sondern fordert ihn sogar? Spielt als Zugabe nicht irgendein "Best of Klassik" sondern Jimi Hendrix's Purple Haze? Oder spielt mit dem Publikum gar "Gedankenlesen" oder "Fußball"?

Die erste Programmhälfte bestand aus 4 Konzerten für zwei Violinen, Streicher und Cembalo von Antonio Vivaldi. Im Programmheft wurde darauf hingewiesen, dass sich Kennedy mit den Philharmonikern darum bemüht, "..das Genie dieses Komponisten zu erkunden und besser zu begreifen..." Das Problem mit Vivaldis Kompositionen ist, dass sie aufgrund der vielen Wiederholungen und regelmäßigen Sequenzen ohne harmonische Überraschungen schnell eintönig wirken. Dem kann man als Musiker nur entgegenwirken, wenn durch Phrasierung, Betonung, Varianten in Dynamik und Lautstärke eine abwechslungsreiche Interpretation geboten wird. Und darin ist Kennedy ein Meister. Nicht nur durch sein eigenes Spiel, auch als Orchesterleiter schafft er es, die Musiker herauszufordern mit ihm auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Hinzu kommt, dass sich Kennedy nicht immer streng an die Noten hält: mit kleinen Variationen und auch völlig freien Improvisationen gestaltet er die Stücke aus. Nichts ist unmöglich - auch nicht, dass Kennedy im Vorspiel des C-Dur Konzerts zur Mundharmonika greift!

Die vier Doppelkonzerte spielte Kennedy gemeinsam mit Daniel Stabrawa, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Obwohl auch er locker und offen wirkte, gab es dennoch einen großen Unterschied in ihren Ausstrahlungen: Kennedy geht wirklich auf das Publikum - und auch auf "Das Collegium" der Musiker - zu, engagiert sich mit allen direkt und unverfroren. Auch im Ton ist Kennedy immer eine Spur schärfer und aggressiver. Herausragend schön der dritte Satz des D-Dur-Konzerts, der aus einem brillanten, ausgekosteten Dialog zwischen den beiden Geigern bestand.

Auch Übertreibungen gehören zum Programm, wenn man Vivaldi wieder mit neuem Leben füllt: Die schnellen Sätze wurden sehr schnell gespielt, die ritardandi bei den Übergängen sehr ausgedehnt, lyrische Passagen besonders ausgekostet. Es stellt sich schon die Frage: Kann ein schneller Satz zu schnell gespielt sein? Niemals wurde das Spielen unrhythmisch und auch waren die Musiker nie auseinander. Aber manchmal schien eine Passage praktisch nur aus den ersten Schlägen zu bestehen und wir Zuhörer wurden im Strom der 8-tel und 16-tel mitgerissen. Selbstverständlich hörte man die grobe Struktur immer heraus, aber alle Zwischentöne der musikalischen Linien preschten an einem vorbei.

Obwohl jede Hälfte des Konzerts eine gute Stunde ausmachte, gab es auch Zusatzstücke, die nicht im Programm angekündigt waren: in der ersten Hälfte ein Geigenduo von Luciano Berio, in der zweiten fünf der Zweistimmigen Inventionen (vom "größten Komponisten aller Zeiten" - O-Ton Kennedy) zusammen mit dem Cellisten Olaf Maninger. Beide Zwischenspiele waren Leckerbissen: schroffe, energische Kontrapunktik von Berio, funkelnde und auch introspektive Zweistimmigkeit bei Bach.

Die Gruppe scheute keine Mühe, um uns bei der Interpretation der sehr bekannten Vier Jahreszeiten neue Seiten aufzuzeigen. Sie kitzelten die innere Spannung bei jedem Phrasenaufbau heraus. Sie experimentierten: In einem langsamen Satz spielte Kennedy eine lyrische Melodie mit langen Notenwerten, und wurde leise begleitet von den anderen Instrumenten, nur die Begleitstimme in der Bratsche auf den dritten Schlag im 3/4-Takt wurde übertrieben betont. Manche Farben waren so ungewohnt blass oder so weit weg vom üblichen satten Klang, dass eine ungewohnte Spannung aufkam - auch wenn eine derartige Interpretation zu Vivaldis Zeiten vielleicht nicht üblich war, scheint sie durchaus legitim.

Gleichermaßen erstaunlich: Kennedys Kunstfertigkeit, die Beherrschung seines Instruments, die Fähigkeit Phrasen zu erspüren und dem Hörer nahezubringen und die Fähigkeit des Collegiums mit ihm zusammen wie auf einem Instrument zusammenzuspielen. Nach zwei Zugaben standen alle 17 Musiker minutenlang am vorderen Bühnenrand und verbeugten sich vor dem tobenden Publikum.



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