21. September 2003
Deutsche Oper Berlin

"Den verfluchten Töchtern und Söhnen von den verdammten Vätern"

Mozarts Opera seria Idomeneo an der Deutschen Oper

Programm

Idomeneo
Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Lothar Zagrosek
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühne und Kostüme: Reinhard von der Thannen

Idomeneo: Deon van der Walt
Idamante: Sophie Koch
Ilia: Michaela Kaune
Elettra: Gabriele Fontana
Arbace: Burkhard Ulrich
Die Stimme: Harold Wilson

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"Den verfluchten Töchtern und Söhnen von den verdammten Vätern"

Mozarts Opera seria Idomeneo an der Deutschen Oper

Von Melanie Fritsch / Fotos: Mara Eggert

Idomeneo

Wahrlich, die Söhne und Töchter der griechischen Könige und Heroen hatten nicht viel zu lachen, verschleppt, auf der Flucht oder vom Vater unwissentlich zum Opferlamm erkoren. In seiner Oper Idomeneo greift Mozart den tragischen Stoff der im 18. Jahrhundert beliebten Idomeneo-Sage auf, führt seine Protagonisten jedoch einem glücklichen Ende zu. Seit dem 13. März 2003 wird die Oper, die Mozart selbst als sein liebstes Bühnenwerk neben Don Giovanni bezeichnet haben soll, an der Deutschen Oper Berlin in einer Inszenierung von Hans Neuenfels aufgeführt.

"Den verfluchten Töchtern und Söhnen von den verdammten Vätern" - Neuenfels lässt diesen Satz jedoch nicht nur für die Prinzen und Prinzessinnen gelten, denn die gesamte Menschheit als Söhne und Töchter unter der Knute der Gottväter hat es nicht leicht, ob die religiösen Ikonen nun Poseidon, Buddha, Jesus oder Mohammed heißen. Sie alle treten in Neuenfels Inszenierung als Richter und Zuschauer der geforderten Opferung zusammen, doch das Volk begehrt gegen sie auf, so dass sie alle am Ende - im wahrsten Sinne des Wortes - durch Idomeneo den Kopf verlieren. Und genau das ist es, worum es in Mozarts Oper geht: Die Frage, was die Götter eigentlich sind, ob und wenn ja, wozu wir sie noch brauchen. "Ohne Götter, ohne Götzen wird der Mensch in die Freiheit entlassen," heißt es im Programmheft.

Idomeneo

Mit ausdrucksstarker Bebilderung, dabei nicht in Überfrachtung abgleitend, bearbeitet Neuenfels Mozarts Oper, unterstützt von einer treffsicheren Ausstattung, die den zeitübergreifenden Charakter der Geschichte betont, und einem überzeugenden Ensemble. Sophie Koch als Idamante sorgt mit ihrer kraftvollen, voluminösen Stimme dafür, dass man beinahe den eigentlichen Titelgeber (bei den anspruchsvollen Koloraturen etwas überfordert wirkend, doch ansonsten überzeugend: Deon van der Walt) vergessen mag. Zusammen mit den Prinzessinnen Ilia (Michaela Kaune) und Elettra (Gabriele Fontana) gelingt den Herren im Zwirn das Quartett im dritten Akt zu einem wahren Ohrenschmaus.

Dies liegt nicht zuletzt an der feinfühligen Interpretation der Mozartschen Komposition durch das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung Lothar Zagroseks. Eindringlich aber nicht aufdringlich ertönt die Musik mit der Mozarts Kompositionen so eigenen scheinbaren Leichtigkeit, ohne jedoch die Fülle und diverse kompositorische Kühnheiten des damals knapp 25-jährigen Komponisten zu zerstören oder zu übergehen. Zagrosek scheint sich musikalisch sehr sachlich mit Mozarts Werk auseinandergesetzt zu haben - akustisch macht sich das bezahlt.

Die obligatorischen Buh-Konzerte der Premiere, mit denen der eigene Punkt, den Neuenfels unter Mozarts Werk setzte, quittiert wurde, haben inzwischen einem frenetischen Applaus mit diversen Bravo-Rufen Platz gemacht - zu Recht.



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