20. Oktober 2003
Kammermusiksaal

"Jetzt spielen sie bitte Flioline..."

Ein Orchesterworkshop mit Nikolaus Harnoncourt

Programm

Joseph Haydn
Joseph Haydn Symphonie Nr. 82 C-Dur "Der Bär"

Mitwirkende

Sinfonieorchester der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin
Nikolaus Harnoncourt - Dirigent

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"Jetzt spielen sie bitte Flioline..."

Ein Orchesterworkshop mit Nikolaus Harnoncourt

Von Jens Paape

Die Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin hatte eingeladen, einem Orchesterworkshop mit dem Wiener Dirigenten Nikolaus Harnoncourt beizuwohnen. Auf dem Programm stand Haydns Symphonie Nr. 82 "Der Bär", an der für die nächsten drei Stunden gearbeitet wurde. Der Kammermusiksaal der Philharmonie war gut gefüllt, als der Maestro mit den kurzen Worten "Wollen wir anfangen" den Taktstock hob.

Der erste Eindruck war, dass die Musiker sich gut auf diese Arbeitssitzung vorbereitet hatten: Zusammenspiel und Klang waren hervorragend und wir durften etliche Takte genießen, bevor Harnoncourt das erste Mal unterbrach. Was in der Folge geschah, läßt sich nur schwer zusammenfassend beschreiben. Selten wurden mehr als 10 oder 20 Takte am Stück gespielt; immer wieder unterbrach der Dirigent, um in seiner charmanten aber bestimmten Art auf Details aufmerksam zu machen. Dabei holte er oft weit aus, erklärte geschichtliche oder gesellschaftliche Zusammenhänge - z.B. wie zur Zeit Haydns das Notenbild interpretiert wurde oder wie Tänze aufgeführt wurden.

Nikolaus Harnoncourt

Seine Spielanweisungen für das Orchester oder einzelne Musiker spickte er mit Bildnissen, unter denen sich auch der musikalische Laie etwas vorzustellen vermochte: "Stellen sie sich einen Tanzbären vor". Besonders anschaulich auch seine Ausführungen zum ersten Satz: Harnoncourt erklärte uns, dass laut seinem italienischen Biographen Haydn zu jeder seiner Symphonien zunächst eine Geschichte schrieb, darauf die Musik komponierte und anschließend die Geschichte verbrannte. Da somit Haydns Gedanken nicht mehr nachlesbar sind, muss man sich eben selber Geschichten ausdenken, die zu der Musik passen. Und zu diesem Satz stelle er sich immer einen Choleriker vor, der beruhigt werden soll, aber nicht beruhigt werden will und somit immer noch wütender wird. Und es passt! Das konnten die Zuhörer leicht nachvollziehen und die Musiker in ihrem Spiel umsetzen. Zum zweiten Satz trug Harnoncourt uns Gedichte vor und forderte das Orchester auf, das Versmaß in musikalische Phrasen umzusetzen. Und als er dann beim nächsten Versuch das Gedicht sprach, während die Musiker spielten, wurde sofort klar, was gemeint war.

Häufig ließ der Dirigent einzelne Orchestergruppen allein spielen, bis die Betonung und Phrasierung saßen, um dann nach und nach die anderen dazu zu nehmen. In einem Fall arbeitete er mit der Flöte und wollte, dass die ersten Geigen in genau der gleichen Art spielen. Was lag näher, als die Streicher aufzufordern "Flioline" zu spielen?

Drei Stunden sind eine lange Zeit, aber es wurde keine Sekunde langweilig. Immer wieder luden die Bemerkungen des Maestros zum Schmunzeln ein. Es war eine Freude mitzuerleben, wie die Musiker seine Gedanken aufnahmen und umsetzten. Man hatte wirklich das Gefühl, dass eine Entwicklung stattfand, die Interpretation noch besser wurde. Eigentlich war es schade, dass wir zum Abschluss nicht noch einmal die ganze Symphonie geboten bekamen. Harnoncourt, das Orchester und die Zuhörer wären sicher bereit gewesen, aber es war ja nur eine Arbeitssitzung.



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