8. Februar 2003
Haus der Berliner Festspiele

Landschaft mit entfernten Verwandten

Programm

Musiktheater von Heiner Goebbels
In div. Sprachen mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (ohne Pause)
Deutsche Erstaufführung am 7. Februar 2003
(rezensierte Aufführung: 08.02.2003)

Mitwirkende

Ensemble Modern
Deutscher Kammerchor

David Bennent, Schauspieler
Georg Nigl, Bariton

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Heiner Goebbels verzaubert Berlin

Von Nancy Chapple / Fotos von Wonge Bergmann

Landschaft mit entfernten Verwandten

Ein zauberhaftes neues Werk: so läßt sich Heiner Goebbels neue Oper, Landschaft mit entfernten Verwandten, am besten beschreiben. Uraufgeführt im Oktober in Genf, den zwei Berliner Aufführungen werden später im Jahr Auftritte in Amsterdam, Baden-Baden, Mulhouse und Paris folgen. Seit Jahrzehnten erforscht Heiner Goebbels den Grenzbereich zwischen Musik und Theater, von Hörspiel bis Performance. Auch in früheren Arbeiten, z.B. Schwarz auf Weiß aus dem Jahr 2001, entwickelte Goebbels das Gesamtkonzept des Werkes in enger Zusammenarbeit mit dem meisterhaften Ensemble Modern.

In diesem Werk gibt es keine Trennung zwischen Orchester, Chor und Schauspieler. Alle sind auf der Bühne in ständiger Bewegung, Musiker schauspielern, sprechen, singen, der Schauspieler singt, einzelne Chormitglieder sprechen lange Passagen. Obwohl keine fortlaufende Geschichte erzählt wird, gibt es keine Brüche: eine Szene gleitet nahtlos in die nächste über (die vier Akte werden ohne Pause gespielt). Auch das Bühnenbild, die Beleuchtung und die Choreographie, allesamt wichtige Komponenten des Gesamtkunstwerks, schaffen beeindruckende visuelle Eindrücke.

Landschaft mit entfernten Verwandten

Ein bloßes Auflisten der Kompositionsbestandteile reicht bei weitem nicht, einen treffenden Eindruck des Stückes zu vermitteln. Das Geschehen auf der Bühne und auch die vielseitige musikalische Untermalung wird getrieben von den Texten in vielen Sprachen (hauptsächlich englisch, französisch und deutsch, aber auch hindi, spanisch und italienisch). Deren Themen sind u.a. der Prozess des Malens (Leonardo da Vinci, Fénélon, Foucault), das Erlebnis des Krieges (fabelhafte lange Prosazitate von Gertrude Steins "Kriege die ich gesehen habe", T.S. Eliot), und Überlegungen zu der Erfahrung von Zeit und Raum (Giordano Bruno). Goebbels Musik dazu ist in so vielen verschiedenen Stilrichtungen komponiert, dass man nur staunen kann: rockige rhythmische Passagen, ein indisches Lied, ein Western-Song, arabisch klingende Meditationen auf Altflöte und Bassklarinette, Madrigals, rhythmische Geräusche. Da es auch lange Passagen gibt, die in ihren Dissonanzen und rhythmischen Unregelmäßigkeiten durchaus mit der klassischen Avantgarde mithalten, entsteht aber nicht der Eindruck einer Pastiche. Der sanfte musikalische Übergang zwischen Stilen wurde oft vom Publikum mit einem leichten erkennenden Lachen belohnt.

Landschaft mit entfernten Verwandten

Einige vereinzelte Zuhörer suchten noch während der Vorstellung demonstrativ den Ausgang, aber als der Nachhall der singenden Tongefäße in der letzten Szene verklungen war, wollte der Jubel im ausverkauften Saal nicht nachlassen. Kammerchor, Ensemble und David Bennent stürmten immer wieder den langen Weg vom hinteren Teil der Bühne hin zum Publikum, um die Ovationen freudig entgegenzunehmen.


Fazit
Was den Abend auszeichnete, war die perfekt aufeinander abgestimmte Arbeit des Ensembles und des Chors und die fesselnde Präsenz des Meisterschauspielers David Bennent. Es ist kein Werk, das irgendeine Gruppe von Musikern überzeugend aufführen könnte, sondern die gelungene Aufführung verdanken wir sowohl der leitenden Präsenz Goebbels wie auch den mitgestaltenden, mitdenkenden Musikern und Schauspielern.



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