28. März 2003
Komische Oper Berlin

Libertinage oder die Ausschweifung

Don Giovanni an der Komischen Oper Berlin - Eine Sternstunde des Regietheaters

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni



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Gruppenbild mit Don Giovanni

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung : Kirill Petrenko
Inszenierung : Peter Konwitschny
Bühnenbild : Jörg Koßdorff
Kostüme : Michaela Mayer-Michnay
Lichtgestaltung : Franck Evin
Chöre : Hagen Enke

Don Giovanni : Dietrich Henschel
Donna Anna : Bettina Jensen
Don Ottavio : Finnur Bjarnason
Stadtkommandant : James Moellenhoff
Donna Elvira : Anne Bolstad
Leporello : Jens Larsen
Masetto : Florian Plock
Zerlina : Sinéad Mulhern

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Libertinage oder die Ausschweifung

Don Giovanni an der Komischen Oper Berlin - Eine Sternstunde des Regietheaters

Von Steven Benzin / Fotos: Monika Rittershaus

"Das Auge gesättigt, das Ohr bezaubert, die Vernunft gekränkt, die Sittsamkeit beleidigt und das Laster Tugend und Gefühl mit Füßen getreten." Stimme zur Uraufführung 1787

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Mozarts Don Giovanni stellt bis heute viele Fragen: "Die überragende musikalische Qualität liegt in der Vieldeutigkeit der Suggestion". Peter Konwitschny hat in seiner brisanten Inszenierung diese Suggestion radikalisiert. Er erspart uns nichts. "Es ist mir wichtig, dass die Widersprüche auch in der Dramaturgie nicht ausgeblendet oder abgemildert werden." Sein Don Giovanni ist direkt und unverblümt. Statt Bühnenzauber verwirklicht er die Vision vom absoluten Musiktheater. Er ist ein Meister der Personenführung und verlangt er eine unglaubliche Agilität von seinem Ensemble. Die neue Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze holt den Stoff in eine gegenwartsbezogene Ebene.

Am Anfang sieht man Wolfgang Amadeus Mozart in einer Pantomime bei Klavierübungen, überwacht vom gestrengen Leopold, der mit dem Stock in der Hand die Musik domestiziert. Der kleine Amadeus steigert sich in sein Klavierspiel, er befreit sich auf musikalische Weise, bis der Vater mit dem Stock dazwischengeht. Der Konflikt zwischen Vater und Sohn zieht sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung.

Der künftige Generalmusikdirektor Kirill Petrenko stürzt sich mit viel Elan und aggressiver Dynamik in die Ouvertüre. Bis zum bitteren Ende herrscht ein "aufgekratzter" Tonfall. Die Tempi sind schnell und zügig, ohne dabei die kammermusikalischen Finessen zu vergessen. Geschult an der historischen Aufführungspraxis wirbelt Petrenko durch die Partitur und hält alles in Bewegung. Das Orchester spielt sehr engagiert und detailfreudig.

Konwitschny rollt eine Kette von Assoziationen auf. Wie ein Guru gekleidet predigt Giovanni die sexuelle Freiheit und das gesteigerte Lustprinzip, dem eine entseelte bürgerliche Welt im Einheitsgrau gegenübersteht. Beide Lebensentwürfe sind gefangen: Don Giovanni verwechselt egoistische Triebhaftigkeit mit Liebe, die Gesellschaft geistige Impotenz mit Moral. Zur Liebe ist eigentlich keiner fähig. Die vergeblichen Liebesabenteuer werden mit viel Witz und einer Fülle an Details, teilweise auch mit einem Hang zum Klamauk und Trash, erzählt.

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Der Titelheld (Dietrich Henschel) stürzt von einem Fiasko ins nächste. Er gestaltet sein Rollendebüt mit erstaunlicher Athletik und charismatischer Ausstrahlung. Sein beweglicher hoher Bariton ist wie geschaffen für die Rolle. Er ist kein dämonischer Verführer, auch nicht ein Monster, sondern der letzte Überrest einer im Untergang befindlichen Lebensweise. Unrast und Unruhe plagen die Protagonisten. Donna Annas (furios Bettina Jensen als Racheengel) und Donna Elviras (Anne Bolstad) Hysterien und Neurosen werden bis zur Karikatur überzeichnet und überdreht. Don Giovanni und Jens Larsen als Leporello werfen einander die Bälle zu, und legen in den Rezitativen eine angenehme Spielfreude an den Tag. Leporello ist nicht nur der Diener, der seinen Herren flehentlich von den Taten abhalten will. Er dokumentiert die Untaten, ist Strippenzieher und zynischer Chronist, den nur die Feigheit von seinem Herren unterscheidet.

Die gesanglichen Leistungen sind auf hohem Niveau, obwohl sie manchmal angesichts der überbordenden Regieeinfälle verblassen. Konwitschny inszeniert den ersten Akt als Coitus interuptus und steigert die sexuelle Zwanghaftigkeit in eine Orgie, in der Don Giovanni wie der Heilige Sebastian über allen thront, und das Ergebnis seiner Entfesselung bestaunt. Selbst die naive Zerlina ist nicht mehr das Opfer einer Vergewaltigung, sondern dem Trieb erlegen.

Donna Anna, Donna Elvira und Don Ottavio entledigen sich ihrer Kleider. Zunächst beobachten sie aus Ekel. Allmählich haben sie dann Spaß an der Szenerie. Sie legen ihren Ehrenkodex ab und genießen das ekstatische Treiben. Der erotische Automatismus, die gefährliche Triebhaftigkeit, die ihre wohlgeordnete Moral ins Wanken bringt, hat für den Moment gesiegt.

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Im 2. Akt hat sich der Taumel sich in eine Orientierungslosigkeit verwandelt. Im Schutz der Nacht genießt Don Giovanni das einzige ihm vergönnte Abenteuer, während die anderen umherirren und nicht finden. Alle Personen werden in dieser Nacht erschossen, alle verlieren ihre Identität. Peter Konwitschny inszeniert diese Szenen mit einer bestürzenden Tristesse. Der letzte Rest von Heiterkeit geht völlig verloren, als Don Ottavio (Finnur Bjarnson) seine Arie unterbricht, um einen Brief von Mozart an seinen Vater zu rezitieren. Der Brief setzt sich mit dem Tod auseinander und ist ein Dokument von existenzieller Eindringlichkeit. Dass ausgerechnet Don Ottavio der Text in den Mund gelegt wird, ist eines der zentralen Momente dieser Inszenierung. Die Musik hört auf und wir blicken in den Menschen Mozart, hören von seinen Ängsten, seiner tiefen Mitmenschlichkeit und seinem Versuch, die letzten Dinge zu ergründen. Don Ottavios Tragik liegt eben daran, dass er Donna Annas Innenleben überhaupt nicht erreicht.

Verzweiflung und Vereinsamung bestimmen den weiteren Verlauf der Handlung. Dass Gerechtigkeit und Anständigkeit siegen, wird dem Publikum versagt, denn es gibt in diesem Spiel keine Sieger und Verlierer. Da Don Giovanni nicht bereit ist, die gesellschaftlichen Normen anzuerkennen und zu verzichten, muss er zu seinem "Glück" gezwungen werden. Der Komtur reicht ihm die Krawatte, gesellschaftliches Statussymbol und Schlinge. Die Dämonen sind die mausgraue Gesellschaft und die Höllenfahrt die gesellschaftliche Anpassung und Eingliederung. Diese Gesellschaft hat kein Platz für unkontrollierte Anarchie und Potenz. Der Trieb wird beherrscht und nicht ausgelebt. Um vollständig zu funktionieren, wird Don Giovanni von Donna Anna entmannt.

Alle haben Blessuren davongetragen und sind gezeichnet. Sie bewerten den Untergang Don Giovannis nicht als Segen, sondern als Verlust, als Untergang des erotischen Prinzips. Von atmosphärischer "Gräue" durchzogen folgt die letzte Szene. Don Giovanni sitzt in einem Sessel, das Gesicht erstarrt, bleich und regungslos. Um ihn herum fahle Banalität und dumpfe aufgesetzte Heiterkeit. Das Finale erbleicht und erstirbt, die Musik setzt langsam aus, der leere hohle Klang beendet das Finale, das im Halse stecken bleibt. Zurück verharrt ein Publikum zwischen Verwirrung, Wut und Ratlosigkeit. Die dreistündige Tour de Force hat viele Bedeutungsebenen in diesem "universalen Welttheater" freigelegt und letzten Endes eine Parabel über uns erzählt, die in der Nacktheit ihrer Aussage nicht jedem gefällt.

Mit diesem Don Giovanni ist der Komischen Oper endlich ein großer Wurf gelungen: kontrovers und konsequent, eine deutliche Absage an das Schönheitsideal, das viele noch mit Mozart verbinden.