13. Mai 2003
Komische Oper Berlin

Triste Bühne und berauschende Musik

Fidelio im 6. Jahr an der Komischen Oper

Programm

Ludwig van Beethoven
Fidelio

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Hans-E. Zimmer
Inszenierung: Harry Kupfer
Kostüme: Reinhard Heinrich
Dramaturgie: Eberhard Schmidt
Choreinstudierung: Peter Wodner
Licht: Franck Evin

Don Fernando, Minister: Gabriel Souvanen
Don Pizarro, Gouverneur eines Staatsgefägnisses: Jaco Huijpen
Florestan, sein Gefangener: Jürgen Müller
Leonore, seine Gemahlin, unter dem Namen Fidelio: Anne Bolstad
Rocco, Kerkermeister: Peter Rose
Marzelline, seine Tochter: Brigitte Geller
Jaquino, Pförtner: Christoph Späth
1. Gefangener: Martin Köpke
2. Gefangener: Hans-Jörg Bertram

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Triste Bühne und berauschende Musik

Fidelio im 6. Jahr an der Komischen Oper

Von Nora Mansmann / Fotos: Thomas Maximilian Jauk

Kaum haben sich der "Eisene" (in der Komischen Oper neuerdings mit moderner Kunst bedeckt) und der schwere rote Vorhang gehoben, geht ein Raunen durch das vorwiegend weißhaarige Publikum. Tatsächlich sieht es oben aus, als hätte man sich zu Marthaler in die Volksbühne verirrt: kahle Brandwände, auf der Bühne nur einige zusammengewürfelte Stühle und ein Tisch, im Hintergrund ein schwarzer Flügel. Auf den Stühlen sitzen die Sänger, Solisten und Chor, in Alltagskleidung. Die Ouvertüre beginnt.

Fidelio

Regisseur Harry Kupfer wollte, das wird im Laufe der Vorstellung klar, Probenatmosphäre auf die Bühne bringen, um so die leicht ins melodramatische abgleitende Geschichte um die heroische Leonore und ihren unglücklichen Florestan zu brechen. So treten die Figuren von Zeit zu Zeit sehr vorsichtig aus ihren Rollen und zücken die Klavierauszüge. Die Gefangenen ziehen ihre Häftlingskleidung auf der Bühne an und Florestan legt sich selbst an die Kette. Doch die Regie schwankt hier auf ganz erstaunliche Weise zwischen Brecht'schem Zeigegestus und einer gelegentlich überhandnehmenden Schwülstigkeit der Darstellung: Florestan deklamiert im zweiten Akt sein Leid genüsslich an der Rampe, die Darsteller grimassieren oft genug gar zu verzweifelt, und heraus kommt eine Mimik, die man den Figuren einfach nicht glaubt - zu sehr gespielt, zu dick aufgetragen.

Kein Marthaler also und keine Volksbühne. Die Handlung von Beethovens einziger Oper ist klar und eindeutig, und ohne die vorherige Lektüre verschiedener Opernführer und des Librettos zu verstehen. Umso mehr täte dem Stück eine eigene Interpretation, mehr Abstraktion oder auch eine Konkretisierung gut. Kupfer kleidet seine Figuren in zeitloses grau, braun, dunkelblau (Kostüme: Reinhard Heinrich), und lässt so zwar dem Publikum den Raum für einen eigene zeitliche oder örtliche Lokalisierung des Macht-vor-Recht-Dramas, verstellt aber dadurch auch den Blick auf das Heute und vermeidet jeden dezidierten Bezug, wo es genug zu sagen gäbe.

Fidelio

So bleibt man seltsam unberührt, die Handlung auf der Bühne ist in die Ferne entrückt, die vierte Wand ist dick. Aber Beethovens Musik: Sie ist mitreißend und wundervoll und wird angemessen dargeboten. Besonders begeistert das Orchester (in der 64. Vorstellung unter der Leitung von Hans-E. Zimmer) mit glockenklarem, transparentem Klang, der jede Stimme einzeln zu Wort kommen läßt. Unter den Solisten überzeugt am meisten die kraftvolle Anne Bolstad (Leonore), die unermüdlich immer noch was draufsetzt, wenn man schon glaubt, mehr kann nicht gehen. Kerkermeister Rocco wird von Peter Rose mit wunderbar vollem, wohltönendem Bass sehr würdevoll verkörpert, und auch Brigitte Geller als seine Tochter Marzelline überzeugt.

Am Ende applaudiert das Publikum lange für einen leicht konsumierbaren, musikalisch sehr gut bis hervorragend dargebotenen Fidelio, der nicht umsonst schon seit sechs Jahren im Repertoire ist und in der nächsten Spielzeit wiederaufgenommen wird.



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