26. Mai 2003
Konzerthaus Berlin

Komplexe rhythmische Muster im ständigen sanften Wandel

Das Ensemble Modern im Berliner Konzerthaus

Programm

Steve Reich
Drumming-Part One
Music for Eighteen Musicians

Mitwirkende

Ensemble Modern
Roland Diry: Klarinette / Baßklarinette
Wolfgang Stryi: Klarinette / Baßklarinette
Hermann Kretschar: Klavier
Ueli Wiget: Klavier
Benjamin Kobler: Klavier
Philipp Vandré: Klavier
Rumi Ogawa: Schlagzeug
Rainer Römer: Schlagzeug / Klavier
David Haller: Schlagzeug
Gregory Riffle: Schlagzeug
Niels Meliefste: Schlagzeug
Boris Müller: Schlagzeug / Klavier
Yuko Suzuki: Schlagzeug
Ulrike Stortz: Violine
Michael M. Kaspar: Violoncello

Neue Vocalsolisten Stuttgart
Katrin Heinz: Sopran
Anja Paulus: Sopran
Christiane Schmeling: Sopran
Stephanie Field: Mezzosoporan

Jakob Palfrader; Klangregie
Klaus Hanekamm: Tontechnik

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Komplexe rhythmische Muster im ständigen sanften Wandel

Das Ensemble Modern im Berliner Konzerthaus

Von Nancy Chapple

Am 26. Mai bot das Ensemble Modern zwei Werke der musikalischen Avantgarde im goldverzierten Konzerthaus. Die Intensität und Professionalität der Aufführung war beeindruckend, aber bei den Stücken von Steve Reich der 70er Jahre stellte sich die Frage: Haben die Werke ihre Brisanz, sogar ihre Relevanz, überlebt?

Die Bühne war vom Anfang an für beide Stücke aufgebaut: für den ersten Teil von Drumming acht kleine Trommeln aufsteigender Größe nebeneinander; für Music for Eighteen Musicians vier Konzertflügel ohne Deckel, drei Marimbas, zwei Xylophone und ein Metallophon. In den ersten Reihen waren die Reich-Fans, die zustimmend nickten und sich leicht in eine Art Trance zu versetzen schienen; der Rest des Saals war eher mit typischen Konzerthaus-Gängern gefüllt, die etwas skeptisch und zurückhaltend das Ganze verfolgten.

Drumming setzt denkbar einfache Mittel ein: ein paar wenige, rhythmisch versetzte Muster werden übereinander gespielt. Genial wird es in der meisterhaften Umsetzung vierer begabter Schlagzeuger: perfekt koordiniert und immer locker miteinander in Kontakt bleibend, bauten sie accelerandi und crescendi souverän in den einfachen Stoff ein. Der erste Rhythmus wurde von einem Schlagzeuger vorgestellt, nach und nach gesellten sich die anderen dazu, übernahmen einen Rhythmus, variierten ihn oder brachten einen weiteren ein. Dabei standen sich zeitweise je zwei Schlagzeuger an denselben Trommeln gegenüber und benutzten sie gemeinsam. Klanglich interessant wurde es besonders an den Stellen, an denen die vier unterschiedliche Schlagzeugstöcke, bzw. Filzschlegel benutzten.

Das zweite Stück war komplexer: viel mehr Musiker - nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Streicher, Baßklarinetten und vier Sängerinnen (hervorragend, wenn auch eher dezent am Rande des Ensembles: die Neuen Vocalsolisten Stuttgart) - die verschiedene Klänge zusammenbauten, und insgesamt mehr Bewegung auf der Bühne. Die Musiker wechselten ständig ihre Instrumente, übergaben unterbrechungslos an Andere, gesellten sich zu einem der Pianisten, um ein kurzes Stück vierhändig zu spielen. Die Übergänge waren unterschiedlich: Mal tauchten unvermittelt neue Rhythmen oder Variationen auf, häufig wurde aber ein Wechsel durch einige Akkorde auf dem Metallophon eingeleitet. Das Ensemble spielte ohne Dirigenten, blieb immer im entspannten Blickkontakt und schien das Stück wirklich verinnerlicht zu haben. Es gab ein paar Stellen, wo das Ganze fast auseinanderdriftete: ein regelmäßiger mit Maracas geschüttelter Takt drohte hinter dem eigentlichen Takt zurückzufallen, und einige Musiker schauten bestürzt in Richtung der Schlaugzeugerin.

Die kompositorische Frage, die Reich zu lösen versucht, ist: was passiert mit einem Motiv durch Wiederholung und leichte Modifikation? Was passiert bei dem Zuhörer, der sich auf solche wiederholte, sich langsam wandelnde Muster einläßt? Der erste Wunsch, genauestens hinzuhören, wie die Muster sich verändern, wird durch eine leichte Einlullung hintertrieben. Die Veränderungen sind organisch, man fragt sich schon: wo kommen die Erneuerungen eigentlich her, wie entstehen sie? Aber nachdem man das Prinzip verstanden hat, ist nicht viel Neues dabei. Ohne die optischen Eindrücke, wären die 90 Minuten sicher zu lang gewesen.



©www.klassik-in-berlin.de