09. Dezember 2003
Philharmonie

Eine Musiker-Legende in der Philharmonie

Herbert Blomstedt dirigiert das DSO

Programm

Richard Danielpour
Konzert für Violoncello und Orchester

Johannes Brahms
Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Herbert Blomstedt - Dirigent
Jens Peter Maintz - Violoncello

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Eine Musiker-Legende in der Philharmonie

Herbert Blomstedt dirigiert das DSO

Von Ingo Bathow

Wer erlebt hat, wie Leonard Bernstein mit wenigen Worten über die Musik ein Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zaubern konnte, der fühlte sich beim Auftritt der nur neun Jahre jüngeren Dirigenten-Legende Herbert Blomstedt an alte Zeiten erinnert. Er war der Pionier, der 1975 den Mut hatte, ein renommiertes Orchester der DDR zu übernehmen, um es dann sogar auf Tournee in sein Geburtsland USA zu führen. Gertenschlank, mit dem federnden Schwung eines Jünglings schritt Blomstedt auf die Bühne der Philharmonie, erfüllte auf unnachahmliche Art eine Mission, für die er berühmt ist - durch das Mittel des Gesprächskonzerts sein Publikum für ein Werk der neueren Musik zu begeistern.

Viviane Hagner

Die Macht der Interpretation: Eigentlich hatte das von Blomberg vor einem knappen Jahrzehnt uraufgeführte erste Konzert für Violoncello und Orchester des New Yorkers Richard Danielpour einen tragischen Charakter. Dem Komponisten, dessen Wurzeln sich aus der jüdischen Diaspora in Persien herleiten, schwebte ursprünglich die Vision einer orientalischen Sehergestalt vor, die vom gottlosen Volk abgelehnt, in den Tod getrieben und schließlich zu Grabe getragen wird. Es war faszinierend, wie der Dirigent mit freudigem Elan die Themen singend, erklärend, mit Hörbeispielen des Deutschen Symphonie-Orchesters bekräftigend dem Werk eine eminent christliche Interpretation verlieh. Die göttliche Sendung eines Retters, das langsam aus der Höhe in die Finsternis hinabsteigende Licht, untermalt mit himmlischen Harfen- und Celestaklängen, war für ihn das Wunder von Bethlehem.

So weit entfernt diese Interpretation von der Intention des Komponisten gelegen haben mag - sie war in sich stimmig, sie überzeugte. Sei es durch die euphorische Darlegung des Dirigenten, durch die Zugänglichkeit von Danielpours Tonsprache, die Durchsichtigkeit des Spiels des Deutschen Symphonie-Orchesters oder die tonmalerische Anschaulichkeit und Ausdruckskraft des Violoncello-Solisten Jens Peter Maintz - das göttliche Licht wurde spürbar, wie es über drei Oktaven hinabstieg, die dumpfen Widerstände orchestraler Finsternis überstrahlte, den Propheten beseelte. Und es wurde das Flehen des Bußpredigers hörbar, bis das "göttliche" Motiv plötzlich in entsetzlichen Varianten entstellt und durch instrumentale "Lachsalven" übertönt wurde, die Blomstedt in seiner Einführung exakt vorgemacht hatte. Noch schlimmer, es brach ein brutaler Rhythmus aus, der sehr aktuelle, parodistische Anklänge an gewisse Tendenzen des Kommerz-Betriebes hin zu entmenschlichten, gewalttätigen Strukturen enthielt, über die Blomstedt lakonisch kommentierte: "Wenn die Seele von der Musik weg ist, bleibt nur Rhythmus zurück."

Jens Peter Maintz konnte seine Expressivität - besonders mustergültig im Soliloquy, dem erschütternden Monolog des vereinsamten Propheten - so schillernd und nuanciert zum Einsatz bringen, dass die Hörer geradezu zum eigenen Mitdenken herausgefordert waren. In rascher Folge wechselten die Emotionen des Propheten, die das Cello zum Ausdruck brachte - war es ein Wehklagen über sein Volk, war es ein Aufruf zur Buße, war es der Zorn des Predigers, oder ein Gebet, oder gar das seelische Ringen von Gethsemane? Maintz schöpfte seine Gabe voll aus, mit dem Hörer zu kommunizieren, ihn anzusprechen, seine geistige Teilnahme zu verlangen. Im abschließenden Satz wurde sein Duktus weich, entrückt, fast segnend, während das Orchester die Leidensgeschichte mit einem Marsch zum Schafott fortsetzte - einem rituellen Henkersmarsch, der freilich die dämonische Wucht seines Gegenstücks aus Hector Berlioz' Symphonie fantastique gar nicht erst anstrebte. Schließlich, in Abwandlung des ersten absteigenden Motivs, folgte eine verhaltene Totenklage, das Werk klang aus, ruhig, gedämpft und fast versöhnlich, ohne jede Anklage, wie eine Passion.

Dem Orchester gestattete Richard Danielpours Partitur eine imponierende Raumwirkung, etwa durch die in weitem Kreis verteilten selbstklingenden Instrumente wie Glocken, Xylophon, Vibraphon und Celesta und häufig durch den sehr amerikanischen Einsatz dichter Blechakkorde. "Postmodern" wirkte das Streben nach Verständlichkeit in der Aussage, die der Maestro in solch klare Worte fassen konnte, und in den Klangstrukturen, die bisweilen an vertraute Filmmusik der neunziger Jahre gemahnten. Dazu gehörte aber auch die wieder eingefangene "Seele" der Musik, die Melodie, welche die exaltierten, quasi religiösen Höhenflüge des singenden Cellos erst möglich machte.

Für den Applaus bedankte sich der Solist mit der Sarabande aus Bachs 3. Suite für Violoncello solo und bestätigte wieder die Eigenschaften, die auf ganz andere Art als etwa der introvertierte, meditative Pablo Casals das Publikum in seinen Bann schlugen - hellwach, mit mehr als nur einer Spur Humor, tief gestaltend, intellektuell fordernd, zu kreativem Mitdenken anregend.

Viele halten Johannes Brahms für einen Grübler und Melancholiker. Aber zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester befreite Herbert Blomstedt die 2. Symphonie D-Dur nach nur dreitägiger Probe von jeglicher Erdenschwere. Er nahm Brahms' Anweisung Cantando so wörtlich, dass er die Streicher im Dreiertakt so deklamieren ließ, als ob sie sängen - nach seinen eigenen Worten mit dem gedachten Text "Komm mein Schatz, lass uns träumen und lieben". Es gelang ihm, dieses Glücksgefühl auf das ganze Werk auszudehnen, ohne auch nur für einen einzigen Augenblick sentimental zu werden. Es war zu spüren, dass er nie die brillante architektonische Einheit des Werkes aus den Augen verlor, dass sich das schwerelose Thema in Abwandlungen im Adagio, im zierlichen Menuett und im brausenden Kehraus wiederfand. Es gelang ihm, selbst den Moll-Einwürfen der Blechbläser etwas Strahlendes, Affirmatives abzugewinnen. Dass die feinnervigen Musiker sich von der Wärme, der Freude und dem Schwung des amtierenden Leipziger Gewandhauskapellmeisters anstecken ließen, braucht nicht gesagt zu werden. Der Auftritt, und besonders das von Herzen kommende Einführungsgespräch, haben wieder zu den liebenswerten Erinnerungen an die Musiker-Legende Herbert Blomstedt beigetragen. Eine Legende in Höchstform, die noch lange nicht an der Schlusskadenz angekommen ist.



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