28. November 2003
Philharmonie

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Berio, Ives und Beethoven in einem Programm des DSO

Programm

Luigi Boccherini / Luciano Berio
Quattro versioni originali della Ritirata notturna di Madrid

Charles Ives
Holidays Symphony

Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Philharmonischer Chor Berlin
Kent Nagano - Dirigent

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Berio, Ives und Beethoven in einem Programm des DSO

Von Nancy Chapple

Mit jedem Stück leuchtete die Programmzusammenstellung und -reihenfolge mehr ein. So lohnt es, das Konzert kurz rückwärts zu betrachten: Die zweite Hälfte bestand aus einer lebensbejahenden Pastorale-Symphonie von Ludwig van Beethoven mit erschreckendem Gewitter und glaubhaftem Ausdruck der "dankbarer Gefühle nach dem Sturm". Die erste Hälfte schloss mit Charles Ives New England Holidays-Symphonie, der auch einen Bogen von Einfachheit über Kakaphonie zurück zu einer Danksagung bildete. Das erste Stück, Luciano Berios Version von Der nächtliche Zapfenstreich in Madrid von Luigi Boccherini, beschreibt in Tönen einen Militärzug, der sich aus der Ferne nähert und dann wieder von dannen in die Nacht zieht.

Wie üblich bei einer Militärkapelle spielten die Flöten eine prominente Rolle. Die Harmonien waren einfach und der Phrasenbau regelmäßig - hier mischte sich Berio gar nicht in unsere Erwartungen des Klangs einer Militärkapelle ein. Der Höhepunkt war sehr aufregend, auch - oder unter Umständen gerade - weil man ihn unweigerlich kommen hörte. Die Zuhörer konnten die Symmetrie des Stückes leicht nachempfinden.

Ives' Symphonie ist ein sehr amerikanisches Werk. Ives nahm verschiedene typisch-amerikanische Klänge auf und führte sie durch einen Filter des 20. Jahrhunderts. Seine Stücke strahlen gleichermaßen Naivität und Selbstvertrauen, die Übereinanderlagerung verschiedener Einflüsse und das Gründungsmythos eines Staates aus. Und schon vor 90 Jahren nahm er wahr, dass die Klänge dieser Welt fragmentiert sind. Als eine Militärband im Satz Decoration Day einsetzte, wurde der Sinn der Zusammenstellung der ersten Programmhälfte auf einmal klar, auch wenn die vorbeimarschierende Kapelle im Gegensatz zum ersten Stück hier nicht alleiniges Gestaltungselement ist. Eine naive Collage drückt noch lange nicht Ironie aus (man denke z. B. an Joseph Cornells todernste Collagen). Es gibt etwas Authentisches bei Ives' Verfremdung: wir bekommen keine Lust zu schmunzeln, es ist nicht, dass er uns zeigt, wie lächerlich die Zusammenstellung letztendlich klingt - nein, er meint es sehr ernst.

Naganos Beethoven-Symphonie war ganz klar artikuliert, im ersten Satz ein ständiges Werden, ein Erwachen, insgesamt eine sehr positive Botschaft. In der Szene am Bach war das Duo zwischen Flöte und Oboe super, die Klarinette dabei sehr mechanisch im Takt, gerade wo die anderen Musiker einen etwas elastischeren und dadurch ausdrucksvolleren Rhythmus spielten. Im mittleren Satz spielte das Orchester den Tanz wie ein "Hoedown", ähnlich wie soeben im Fourth of July von Ives vorgeführt. Und interessanterweise hörte man auf einmal auch eine Ähnlichkeit zwischen der Struktur des Boccherini/Berio-Stücks und der großen 6. Symphonie von Beethoven: beide bauen große Bögen. Das Gewitter im vierten Satz machte richtig Angst. Und dann eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Beethoven und Ives: Eine Danksagung zum Schluss.



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