6. März 2003
Philharmonie

Eine der Welt entrückte h-moll Messe

Programm

Johnann Selbastian Bach
h-moll Messe

Mitwirkende

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Kent Nagano - Dirigent

Christiane Oelze - Sopran
Annette Markert - Alt
Markus Schäfer - Tenor
Dietrich Henschel - Bass

Rundfunkchor Berlin
Uwe Gronostay, Choreinstudierung

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Eine der Welt entrückte h-moll Messe

Von Nancy Chapple / Foto: KássKara

Kent Nagano

Dies war Kent Naganos gespannt erwartetes Berliner Bach-Debüt. Seine Interpretation der monumentalen h-moll Messe war respektvoll, ehrfürchtig, vielleicht etwas distanziert. Insgesamt waren die Tempi langsam, der Klang erinnerte trotz kleiner Besetzung stark an das große Sinfonieorchester. Dabei bildeten die langen Phrasen oft einen schönen Bogen: einen langen Atem, durchdachte Chöre und Arien, insgesamt ein in sich geschlossener Aufbau.

Es gab einige Höhepunkte: Die Solistinnen Christiane Oelze (Sopran) und Annette Markert (Alt) sangen perfekt zusammen. Intonation, Phrasierung, Tonfarbe bildeten eine Einheit, sowohl im Christe eleison, als auch in ihrer zweiten gemeinsame Arie, Et in unum Dominum. Der Chor hatte das Werk sehr gut einstudiert und sich zu eigen gemacht: klare Stimmführung, wunderbare Intonation, höchst konzentriert, auch in den komplexen mehrstimmigen Passagen. Gratias agimus tibi wurde als raffiniertes polyphones Intervallenspiel interpretiert, auch Confiteor war wunderschön. Cum Sancto Spiritu, das Schlüßstück der ersten Hälfte, strahlte trotz des hohen Komplexitätsgrades unvermittelte, unkomplizierte Musikfreude aus.

Insgesamt hatte die zweite Hälfte etwas mehr Schwung und Lebendigkeit, wirkte nicht ganz so entfernt von den rhythmisch dezidierten, "erdverbundenen" Bach-Interpretationen kleinerer, spezialisierter Kammerorchester unter der Leitung mancher Naganos Zeitgenossen. Der Chor und die Solisten bleiben nach dieser Aufführung deutlicher in Erinnerung als das Orchester.

Die typisch munteren, diatonisch geprägten Chöre in Dur bilden wohl eine echte Herausforderung für das Orchester, egal ob sie auf alten oder, wie hier, auf modernen Instrumenten gespielt werden. Vieles gelang, aber manches, zum Beispiel schnelle Passagen der Blechbläser, blieb unzureichend.

Die Arie Laudamus te, ein Dialog zwischen Geige und Sopran, war etwas enttäuschend. Die Geige war oft verstimmt, etwas derb und unsauber, obwohl Christiane Oelze meisterhaft die sehr verzierte Gesangslinie darbot. Bei beiden Arien, in denen die Flöte eine gestaltende Rolle spielt, entschieden sich Nagano und der Flötist, entlang der Flötenatmungen zu phrasieren. Dadurch kam manche Phrase etwas künstlich gestreckt vor. Dennoch war die durchsichtige Tonfarbe in Domine Deus zusammen mit den wunderbar aufeinander eingestimmten Sopran- und Tenorstimmen schön zu erleben. Angela Markerts Stimme leuchtete besonders in den tiefen Lagen von Qui sedes für Oboe und Alt, ebenso in Agnus Dei. Überhaupt gefiel die Oboe durch ihr frisches, dynamische Spiel. Qui tollis war dramatisch -der Klang aber eigenartig entrückt, als ob eine Käseglocke über das Geschehen gelegt wurde.

Et incarnatus est, ein harmonisch suchender, chromatisch geprägter Chor in ¾, war typisch schwebend: ein sehr langsames Tempo, ein Tasten und Suchen nach Wahrheit. Das anschließende Crucifuxus schwebte weiter, immer im Werden und nie ankommend - der Abschluß unglaublich leise, zart und zugleich ausgewogen. Baß Dietrich Henschel gestaltete in Et in Spiritum sanctum wunderschöne lange Phrasen. Im 6-stimmigen Sanctus blühte der Chor immer mehr auf: mitreißend, voller Energie. Das Osanna im Schlußteil war dann im richtig schnellen 3/8. Dona Nobis Pacem führte zu einem runden, befriedigenden Ende.



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