24. Mai 2003
Konzerthaus Berlin

Ein farbenprächtiger Jahreslauf

Haydns Jahreszeiten mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und dem Rundfunkchor Berlin

Programm

Franz Joseph Haydn
Die Jahreszeiten
Oratorium für drei Solostimmen, Chor und Orchester

Mitwirkende

Berliner Sinfonie-Orchester
Rundfunkchor Berlin
Michael Gielen: Leitung

Peter Lika: Bass
Silvia Weiss: Sopran
Christian Elsner: Tenor

Uwe Gronostay: Choreinstudierung

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Ein farbenprächtiger Jahreslauf

Haydns Jahreszeiten mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und dem Rundfunkchor Berlin

Von Nancy Chapple

Das Oratorium Die Jahreszeiten ist Franz Joseph Haydns letztes großes Werk. Das Berliner Sinfonie-Orchester und der Rundfunkchor Berlin boten am Samstag Abend im Konzerthaus eine befriedigende, teilweise berauschende Aufführung. Das Werk besteht aus einer lockeren Folge von vier Kantaten. Jede Jahreszeit beginnt mit einer Ouvertüre - am Anfang steht Der Frühling.

Unter der Leitung Michael Gielens spielte das Orchester harmonisch raffiniert, etwas zurückhaltend in der Dynamik, die fortissimi nicht übermäßig laut. In seiner rhythmischen und harmonischen Komplexität war der Frühlingschor "O wie lieblich ist der Anblick" eine besonders schöne Darstellung dieser Jahreszeit - alles "lebet ... schwebet ... reget sich." Atemberaubend waren die harmonischen Stimmungswandel im Schlußchor: vom "ewigen / mächtigen" hin zum "gütigen Gott".

Von den Solisten ist die klare Stimme des Tenors Christian Elsners am leichtesten zu loben. Er sang gleichermaßen leicht und mit vollem Einsatz. Trotz schöner Stimme tendierte Baß Peter Lika in der Rolle von Simon oftmals zu leicht übertriebenem "Brüllen". Silvia Weiss in der Rolle des Mädchens Hanne sang schön mit viel Vibrato. Mit ihrer für eine konzertante Aufführung etwas übertriebenen Mimik war es manchmal angenehmer, ihrer Stimme nur zu lauschen.

Der Librettist - auch Haydns Mäzen und Förderer - war Gottfried van Swieten. Der Text ist an manchen Stellen etwas holprig, an anderen eher süßlich, und die mißmutigen Äußerungen des Komponisten zu den Mängeln der Texten sind bekannt. Offenkundig sind die Texte, die den Hörern nach gut 200 Jahren am ehesten trivial vorkommen ("Juhhe, juh! Es lebe der Wein! Es lebe das Fass, das ihn verwahrt!"), diejenigen, die auch dem Komponisten Kopfschmerzen bereiteten.

Der Sommer, von der ermattenden, gleißenden Sonne - sehr überzeugend vom Orchester dargestellt - bis hin zum lebensbedrohenden Gewitter - mit einem gewaltigen Choreinsatz - war insgesamt die schönste Jahreszeit. Die 32-tel-Noten des Orchesters bei der "hellen Fluth der Bach" waren hinreißend. Besonders herausragend: die Oboe im Einstiegsrecitativ und auch in der Sopranarie "Welche Labung für die Sinne". Hier überzeugte auch Hanne mit wunderbarem Ton und warmer Melodiegestaltung. Ein großes Lob an den Rundfunkchor ist hier für ihre inbrünstig gesungenen lautmalerischen Passagen auszusprechen.

Im Herbst bei den "Pfeifen, Trommel, Fiedel und Leier" wurde das sonst eher dicht und schwelgerisch spielende Orchester deutlich dynamischer. Vielleicht ist es aber auch ein grundsätzliches Problem, barocke Musik mit modernen, großen Orchestern zu intonieren. Es gelingt nur in Ausnahmefällen, eine dynamische Präsenz der einzelnen Stimmen aus der großen Klangmasse zu isolieren. Beim Jagdchor hatte das Orchester sichtlichen Spaß an der rhythmischen Komplexität der differenzierten Passagen. Sehr angenehm die vier Hörner, die durch ihre Synkopen das Ganze munter nach vorne vorantrieben. Auch die räumliche Aufteilung - je 2 Hörner links und rechts in der Bläsergruppe - trug dazu bei.

Der Winter setzt mit dickem Nebel an - vom Orchester atmosphärisch gut umgesetzt. Sowohl Elsner als auch Weiss haben viel aus ihren Arien gemacht, er durch die Winterlandschaft irrend, sie kokett und frech im Ehrenlied. Der gesamte Schluß war sehr befriedigend: der Kontrapunkt verdichtete sich, die Himmelspforten öffneten sich, die einzelnen Chorstimmen blieben glockenklar.



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