31. Oktober 2003
UdK - Konzertsaal Bundesallee

Die Kunst der Fuge

Eine ganz persönliche Konzertrückschau

Programm

Johann Sebastian Bach
Die Kunst der Fuge BWV 1080 in der Bearbeitung für 4 Quartette von Heribert Breuer

Mitwirkende

Quartett I:
Antje Hensel - Blockflöte
Anne Freitag - Blockflöte
Katharina Schlegel - Gambe
Benjamin Dreßler - Gambe

Quartett II:
Birte Päplow - 1. Violine
Anna Maria Staemmler - 2. Violine
Constanze Nekwasil - Viola
Jacob Fauser - Violoncello

Quartett III:
Clemens Haustein - Oboe
Anna Bardeli - Klarinette
Franziska Haußig - Fagott
Sebastian Posch - Horn

Quartett IV:
Hansjacob Staemmler - Klavier
Anja Kleinmichel - Klavier
Martin Krause - Vibraphon
Alexander Preuß - Kontrabass

Heribert Breuer - Leitung

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Die Kunst der Fuge

Eine ganz persönliche Konzertrückschau

Von Jens Paape

Bei den ersten Tönen von Contrapunctus I läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken - jedes Mal. Wie oft habe ich die Kunst der Fuge schon gehört? Fünfhundert Mal? Tausend Mal? Wohl irgendwo dazwischen und fast immer bekomme ich diese Gänsehaut. Ich habe Aufnahmen in unterschiedlichsten Besetzungen auf CD, habe viele Konzerte besucht und höre im letzten Jahr fast täglich Ausschnitte, wenn meine Frau an der Klavierfassung arbeitet (ich selber bin als Hobbypianist leider bisher nicht über die erste Fuge hinausgekommen). Dieses Spätwerk von Johann Sebastian Bach fasziniert mich wie kein anderes Werk der klassischen Musik. Bei jedem Hören entdecke ich neue Elemente der Komposition, freue mich über gelungene Interpretationen oder bin misstrauisch, wenn das gewählte Tempo von meinen Vorstellungen abweicht.

Johann Sebastian Bach

Die Experten streiten, warum Bach den einzelnen Stimmen keine Instrumente zugeordnet hat. Wollte er sie erst festlegen, wenn das Werk vollendet ist? Wollte er bewußt den Interpreten die Freiheit lassen? Wollte er gar nur ein theoretisches Werk schaffen? Was mich jedesmal berührt, ist der unvollendete Contrapunctus XIX. Wenn die letzten Töne der Alt-Stimme im Saal verhallen und einige Augenblicke absolute Stille herrscht, frage ich mich: "Hat der Tod dem großen Meister hier buchstäblich die Feder aus der Hand gerissen?"

Zurück zu den Interpretationen: Die fehlende Instrumentierung spornt natürlich immer wieder an, nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Ob auf Orgel oder Klavier, mit Streichquartett, mit zusätzlichen Holzbläser, als reines Saxophonquartett, mit Kammerorchester in unterschiedlicher Besetzung für die einzelnen Contrapuncti, alles schon da gewesen. Heribert Breuer hat sich viele Gedanken über den Character der einzelnen Stücke gemacht und die Besetzung entsprechend gewählt. Er konziperte die Bearbeitung bereits Mitte der 1970er und hat sie seitdem mehrfach verfeinert. Sein Bestreben war es, dem Zuhörer durch "bestimmte Instrumentalfarben die kontrapunktischen Verläufe zu verdeutlichen". Es ist ihm gelungen.

Auf der Bühne sitzen vier Quartette: das klassische Streichquartett, ein Bläserquartett (Oboe, Klarinette, Horn, Fagott), ein Quartett aus zwei Blockflöten und zwei Gamben und ein "modernes" Quartett mit Vibraphon, 2 Klavieren und Kontrabass. Mit den ersten vier Fugen stellen sich die einzelnen Gruppen vor, um dann im weiteren Verlauf miteinander zu verschmelzen. Auffällig im ersten Durchlauf der Contrapunctus II: Heribert Breuer betonte ausdrücklich, dass er in seiner Bearbeitung weder Noten hinzugefügt noch weggelassen habe - und doch staunt man, wie modern jazzig Bach klingen kann, wenn man nur die "richtigen" Instrumente einsetzt. Interessant für mich war die Besetzung mit zwei Blockflöten. Durch die fast identische Klangfarbe der beiden Instrumente vermischten sich die Stimmen, liefen auseinander und wieder zusammen, kreuzten sich - oder doch nicht? Hier fiel es schwer die Stimmen auseinander zu halten, aber der Effekt, gerade bei sehr kleinen Tonintervallen, war hörenswert. Bei den komplexeren Fugen wurden dann teilweise Stimmen gedoppelt, das heißt von zwei (oder mehr) Instrumenten gleichzeitig gespielt. Auch hier gab es schöne Effekte und Einsichten, gerade wenn die zusätzlichen Instrumente nur den Einsatz des Themas betonten.

Die jungen Musiker waren ausgezeichnet und hochmotiviert (die Aufführung wurde von ihnen selbst angestossen) und Heribert Breuer steuerte nur sehr dezent mit kleinen Handbewegungen - eher nickte und wippte er im Takt mit und genoss die Aufführung. Riesenbeifall des bis auf den letzten Platz gefüllten Saals belohnte die Musiker.



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