31. Mai 2003
Philharmonie

Oliver Knussen dirigiert Die Wilden Kerle und Stravinskys Kuss der Fee

Programm

Igor Strawinsky
Der Kuss der Fee

Oliver Knussen
Where the Wild Things are, op. 20

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Oliver Knussen, Dirigent
Lisa Saffer, Sopran
Mary King, Mezzosopran
Christopher Gillett, Tenor
Jeremy White, Bariton
Stephen Richardson, Bariton
Quentin Hayes, Bariton

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Oliver Knussen dirigiert Die Wilden Kerle und Stravinskys Kuss der Fee

Von Nancy Chapple

Oliver Knussen

An einem heißen Frühsommerabend gab Oliver Knussen - als Dirigent und Kompionist - zusammen mit den Berliner Philharmonikern eine beeindruckende Vorstellung. Obwohl in seiner Gestik eher zurückhaltend, spielte das Orchester unter seiner Führung aufmerksam, sogar leidenschaftlich. Keines der beiden Stücke des Abends war an sich einfach und leicht zugänglich, aber unter seinem Taktstock erwachten beide zum Leben.

Stravinskys 1928 geschriebenes Werk Der Kuss der Fee wird nicht oft aufgeführt, vielleicht weil es in konzertanter Form eher wie ein sanfter, willkürlicher Streifzug durch interessante thematische Landschaften wirkt, als dass es klar verschiedenen Höhepunkten zustrebt. Ungewöhnlich für Stravinsky sind die vielen beschaulichen Momente, in denen der Zuhörer sich entspannt zurücklehnen kann. Da das Werk auf einem guten Dutzend Tschaikovsky-Melodien aufgebaut ist, findet sich der Hörer zunächst zwischen warmen, charakteristisch melodisch kunstvollen Tschaikovsky Passagen und dem rhythmischen Antrieb und der Klarheit der instrumentalen Stimmen Stravinskys - bis schließlich beide untrennbar miteinander verschmelzen. In dieser Aufführung gab es unzählige Momente, in denen das Orchester wirklich herausragend spielte: ein Streichquartett, eingebettet in im Gegenschlag spielende Bassklarinette und Horn; verflochtene Passagen mit Klarinette, Flöte und Oboe (die Bläser bekamen am Ende stürmischen Beifall); Cello und Klarinette übernahmen abwechselnd eine Melodie, begleitet von der Harfe - man könnte das Stück auch als Klarinettenkonzert bezeichnen. Der Epilog rundete das Werk entspannt ab: Der Antrieb des Stückes löst sich auf, aber der Klang hallt noch nach.

Lisa Saffer

Nach der Pause dirigierte Knussen eine konzertante Version seines eigenen Werkes Where the Wild Things Are (Wo die wilden Kerle wohnen), das 1980 uraufgeführt wurde. Obwohl die Grundlage ein sehr bekanntes Kinderbuch ist, ist es keinesfalls eine Kinderoper: Wild Things ist oft überraschend und erschreckend laut. Die ständig aktive Sopranrolle ist stimmlich gut geschrieben, aber stellt in einer sehr direkten Art den ungezogenen Jungen dar. Lisa Saffer war fesselnd in ihrer energiegeladenen Rolle als Max, in ständigem Blickkontakt mit Knussen, den Rhythmus mitnickend, schnell die Partitur blätternd, so dass es schwer viel, sich auf die einzelnen Komponenten Knussens Orchestrierung zu konzentrieren. Maxs Wutausbrüche, Staubsaugergeräusche, die Katzenmusik der Wilden Kerle - alle waren erdrückend in ihrer Leidenschaft und Intensität, in ihrer schieren "Wildheit". Glücklicherweise gab es auch schöne, sanfte Momente, z.B. die Gähnszene, wenn die Biester einschlafen, das Frisörladen-Quintett, Maxs Arie "I dreamed that once I flew away...". Das Orchester wird hier ganz anders eingesetzt als in Der Kuss der Fee: Die Instrumente spielen in immer wechselnden Konstellationen zusammen, perfekt koordiniert, aber ohne Gelegenheit für herausragende Soli. Man merkte den Solisten an, dass sie ihre Rollen nicht zum ersten Mal singen: Sie fühlten sich sichtlich zu Hause mit der Musik.

(Die englische Version dieser Kritik erschien zunächst bei www.classicstoday.com)



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