20. Mai 2003
Staatsoper Unter den Linden

Puccini authentisch im 19. Jahrhundert gespielt

La Bohème an der Staatsoper unter den Linden

Programm

Giacomo Puccini
La Bohème

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Inszenierung: Lindy Hume
Bühnenbild: Dan Potra
Kostüme: Carl Friedrich Oberle
Licht: Franz Peter David
Chöre: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Ilka Seifert

Mimì: Elena Kelessidi
Musetta: Marina Vyskvorkina
Rudolfo: Miroslav Dvorsky
Marcello: Vladimir Stoyanov
Schaunard: Klaus Häger
Colline: Orlin Anastassov
Parpignol: Peter-Jürgen Schmidt
Benoit/Sergeant: Gerd Wolf
Alcindoro: Bernd Zettisch
Ein Zöllner: Bernd Riedel

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor, Komparsen

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Puccini authentisch im 19. Jahrhundert gespielt

La Bohème an der Staatsoper unter den Linden

Von Nora Mansmann

Genusssucht und Schlemmerei, Armut und Hunger - zwischen diesen Polen bewegt sich das Leben der Bohèmiens Rudolfo, Marcello, Colline und Schaunard. Wenn Geld da ist, wird es zusammen verprasst; herrscht Ebbe in der Kasse, hungert man gemeinsam. In einer kalten Mansardenwohnung im Pariser Quartier Latin leben die weitgehend erfolglosen Künstler in den Tag hinein. Daran ändert sich auch nichts, als Rudolfo Mimì kennenlernt, eine Nachbarin der vier, die an Tuberkulose leidet. Doch Rudolfo muss bald einsehen, dass sich sein Lebensstil nicht mit der Beziehung zu Mimì vereinbaren lässt: In der kalten Mansarde verschlechtert sich ihr Zustand mehr und mehr, und Rudolfo beschließt, sich von seiner Liebsten zu trennen.

Puccinis Oper um die tragisch endende Liebe zwischen der todkranken Mimì und ihrem Rudolfo gehört zu den beliebtesten Werken des heutigen Opernrepertoires. An der Staatsoper unter den Linden hat die australische Regisseurin Lindy Hume das Werk im Dezember 2001 neu inszeniert - weitgehend in historischer Ausstattung und mit Kostümen im Originalstil des 19. Jahrhunderts (Bühne: Dan Potra; Kostüme: Carl Friedrich Oberle). Durchbrochen wird diese Ästhetik nur bei Musettas erstem Auftritt als Marilyn-Monroe-Verschnitt - ein passender Ausdruck des Charakters dieser Figur - und einigen Wehrmachtssoldaten, die zu Beginn des 3. Aktes die stänkernden Straßenfeger abführen. Dieses Bild bleibt allerdings unklar, da sonst kein Bezug zum Paris der Besatzungszeit oder überhaupt in die Moderne hergestellt wird. Die Figuren in ihren Mitte-des-19.-Jahrhundert-Kostümen bleiben sonst vollständig in ihrer Welt, hinter der vierten Wand.

Aber diese Welt hat es in sich. Zunächst die Grundlage, das Orchester: Geleitet von dem jungen Dirigenten Philippe Jordan vollzieht es sehr genau Puccinis lautmalerische Musik nach, die immer wieder eine melancholische Grundstimmung durch gutgelaunte Solo-Einlagen kontrastiert. Das wache, zupackende Spiel lässt die Musik nie ins Schnulzige oder Klischeehafte abrutschen, selbst die dramatischsten Momente wirken glaubhaft, nie übertrieben pathetisch. Elena Kelessidi ist eine Mimì mit vielen Zwischentönen: Die lauten Klagen beherrscht sie ebenso wie den leisen Abschied am Ende, vor Mimìs Tod. Auch Rudolfo (Miroslav Dvorsky) und die weiteren Hauptrollen überzeugen. Herauszuheben ist Vladimir Stoyanov, der als Marcello das Publikum mit außerordentlich kraftvollem und wohltönendem Bariton begeistert.

Tatsächlich braucht die unglückliche Liebe Mimìs und Rudolfos, die in Puccinis Oper, anders als in deren Vorlage, im Mittelpunkt steht, keine Aktualisierung, um das Publikum zu erreichen. Das Leid der Protagonisten in Mimìs Sterbeszene wird inbrünstig gespielt, doch wirken die verzerrten Gesichter der Sänger dabei nicht unglaubwürdig, wie das bei Szenen dieser Art gerade in der Oper allzu oft der Fall ist. Es gelingt der Regisseurin und den Darstellern, mit Hilfe von Puccinis Musik, den Zuschauer völlig in die Geschichte hineinzuziehen. Oder doch nicht ganz: Die Dame nebenan sucht, in Erwartung des tragischen Endes, bereits zu Beginn des 4. Aktes in ihrer Handtasche, um im entscheidenden Moment das Taschentuch zur Hand zu haben.

(Leider stellt uns die Staatsoper keine Fotos zur Verfügung)



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