07. Dezember 2003
Kammermusiksaal der Philharmonie

Ein pianistisches Wunderkind wird erwachsen

Victor Emanuel von Monteton spielt Beethoven

Programm

Ludwig van Beethoven
»Egmont«-Ouvertüre op. 84
Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15*
Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21

Mitwirkende

Berliner Kammerphilharmonie e.V.
Michael Zukernik - Dirigent
Victor Emanuel von Monteton - Klavier und Dirigent*

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Ein pianistisches Wunderkind wird erwachsen

Victor Emanuel von Monteton spielt Beethoven

Von Ingo Bathow

Der Pianist Victor Emanuel von Monteton "zelebrierte" gewissermaßen vor Hunderten von Zuhörern im Kammermusiksaal der Philharmonie einen glanzvollen Übergang - vom einstigen Wunderkind, dem pagenköpfigen "kleinen Lord", der auch große Musiker mit seiner Frühreife in Erstaunen versetzte, zum ernst zu nehmenden erwachsenen Interpreten, der im Sommer 2004 seinem Abschluss an der Karlsruher Musikhochschule entgegensieht und der dabei ist, seine eigene, unverwechselbare Tonsprache zu entwickeln.

Noch nie hat man die "Berliner Kammerphilharmonie", ein Projektorchester, das auch zahlreichen Studierenden die nötige Konzerterfahrung bietet, in solch hochkarätiger Besetzung erlebt wie für dieses ganz dem Werk Ludwig van Beethovens gewidmetem Programm. Konzertmeister und führende Mitglieder der Orchester der Staatsoper, Komischen Oper, Deutschen Oper, DSO, selbst Karajans einstiger Solobratscher und Solohornist bildeten einen Achtung gebietenden Klangkörper, der sich auch ohne Leitung ins Zeug gelegt und eine mitreißende Egmont-Ouvertüre geboten hätte - eine nicht geringe Herausforderung für den jungen israelischen Dirigenten Michael Zukernik. Wie es oft bei einem an Erfahrung überlegenen Orchester geschieht, wollte der junge Dirigent die Kontrolle behalten und zügelte ungemein, büßte dadurch aber wesentliche Gestaltungsmöglichkeiten ein. Von dem durch die Seele dringenden Klang der Freiheitsglocke am Anfang - keine Spur. Spannung, Leidenschaft, Trauer, Jubel, wie sie aus dem Drama hervorgehen, ließ seine Gestik genauso wie die Musik vermissen. Allenfalls gefielen abstrakte Strukturen, ein reizvolles Wechselspiel von Bläsern, Holzbläsern und Streichern - die schöne Form war da, unangetastet vom Gestaltungswillen der Interpreten noch vom Geist Beethovens.

Ganz anders reagierte das Orchester beim Auftritt des Solisten Victor Emanuel von Monteton. Dieser hätte mit den Augen dirigieren können, so sehr konzentrierten sich die Musiker auf jede seiner Gesten. Die riesige Partitur auf dem Steinway diente mehr zur Dekoration, beherrschte er doch jede Orchesterstimme von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1, das er bereits als Jugendlicher mit Sir Neville Marriner aufgezeichnet hat. Er beleuchtete einen anderen Aspekt Beethovens - nicht den aufbrausenden Titanen, sondern den nachdenklichen, zuweilen überaus gewitzten Philosophen. Mit Recht hatte er die ausführlichsten, von Beethoven für sein Werk erarbeiteten Kadenzen gewählt, die er so spannungsreich und tiefsinnig umzusetzen wusste, dass die durchaus vorhandene technische Brillanz in den Hintergrund trat. Sein persönlicher Stil einer konversationellen Interaktion mit dem Orchester blieb stets ausdrucksvoll und lebendig, auch wenn das Allegro con brio sich etwas mehr zum Moderato entwickelte und im Dialog mit dem Horn im Largo fast eine kleine "Gesprächspause" einsetzte. Ein fast mozärtliches Taktgefühl, Schliff und Grazie verwandelten das Rondo und das - keineswegs wie im Begleittext angekündigt, von "sarkastischer Widerborstigkeit" charakterisierte - Allegro scherzando in kleine Juwelen. Dass die zahlreichen Fans das Konzert nach jedem Satz ganz "unklassisch" mit spontanem Applaus unterbrachen, erduldete der Jungvirtuose mit Kontenance.

Zu welcher Tour de Force Victor Emanuel von Monteton fähig ist, zeigte er in der Zugabe mit dem "Todesritt" von Franz Liszts Erlkönig-Paraphrase. Kaum mehr sichtbar waren die Finger bei der Rasanz, mit der er eine ungemeine orchestrale Dichte zauberte, zwischen dem Trommelfeuer des Hufgetrappels und den unheimlichen dämonischen Läufen der Moorgeister auf den dramatischen Höhepunkt zusteuerte und die g-Moll-Schreckensvision in wenigen atemberaubenden Schlägen wieder im Grundakkord versinken ließ.

Der dramatische Funke sprang auf das nunmehr warm gespielte Orchester über - so überzeugend gelang der Satz Allegro con brio in Beethovens 1. Sinfonie, dass sich das Publikum wieder zu spontanem Zwischenapplaus hingerissen fühlte. Diesmal lag die Reaktion bei Zukernik, der unwirsch in den Saal hinaufwinkte: Stopp! Eher bedächtig, unterkühlt statt gefühlsbewegt erklang dann das Andante cantabile con moto, bevor der engagierte Einsatz aller Musiker, vornehmlich aber der Violinen, ein mitreißendes Finale garantierte. Ein uneinheitlicher Abend, bei dem die äußere Form von Beethovens Musik stets akkurat präsent war, aber nicht immer auf feurigen Rossen oder mit geistiger Tiefe einherkam, bisweilen sogar Note für Note ausbuchstabiert wurde. Ein guter Grund, dem Beispiel der "Großen" zu folgen und keine Orchesterzugabe zu geben.

Seine Sporen hatte sich der Klaviervirtuose durchaus verdient - durch seine Konzentration, die souveräne Sicherheit des Vortrags, dazu die unverkennbare Präzision und Klarheit des Anschlags, die beinahe an die Qualitäten eines mächtigen Cembalos erinnern. Evident war seine besondere Begabung und Berufung, wertvolle Musik auch jenem Publikum verständlich zu machen, das den Zwischenbeifall zollte. Courage hat er auch: Am 17. Januar steht mit dem nämlichen Orchester am selben Ort eines der lyrischsten Klavierkonzerte Mozarts auf dem Programm.



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