09. September 2003
Philharmonie

Junge Musiker spielen große Werke

Helmuth Rilling dirigiert Bergs Violinenkonzert und Brahms Requiem

Programm

Johann Sebastian Bach
Schlusschoral Es ist genug aus der Kantate BWV 60 Oh Ewigkeit, du Donnerwort

Alban Berg
Violinkonzert

Johannes Brahms
Ein deutsches Requiem op. 45

Mitwirkende

Festival Chor und Orchester des Europäischen Musikfestes Stuttgart
Helmuth Rilling - Dirigent

Alyssa Park - Violine
Letizia Scherrer - Sopran
Dietrich Henschel - Bass

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Junge Musiker spielen große Werke

Helmuth Rilling dirigiert Bergs Violinenkonzert und Brahms Requiem

Von Nancy Chapple / Foto: A.T.Schaefer

Helmuth Rilling

Alban Bergs Violinkonzert und Johannes Brahms Deutsches Requiem - ein ehrgeiziges Programm für die jungen Musiker des Festival Chors und Orchesters des Europäischen Musikfestes Stuttgart unter der Leitung von Helmuth Rilling. Nach zwei Wochen intensiver Proben am Bodensee präsentierten sie diese und andere Werke in Stuttgart, auf dem Rheingau Festival und in Berlin.

Das Berg-Konzert, ein harmonisch reichhaltiges, zugängliches Meisterwerk des 20. Jahrhunderts, verlangt von der Solistin die Reife, verschiedene technisch äußerst schwierige Passagen zu einem musikalischen Gesamtkonzept zu verflechten. Geigerin Alyssa Park spielte mit warmen, klarem Ton, ihre Kenntnis des Stückes war hervorragend, nur spielte sie insgesamt etwas zu zaghaft. An leisen Stellen war sie oft nicht gut über dem Orchester zu hören. Gelegentlich wünschte man sich, dass sie das Ruder mehr an sich reißen würde, um klanglich und musikalisch die Führung zu übernehmen. Das Orchester bildete eine schöne Einheit, kompetent und auch mit Wärme gespielt - nur selten ragten einzelne Instrumentengruppen heraus. Das Stück wurde komponiert als Erinnerung an die tragisch früh verstorbene Tochter Alma Mahlers, eine enge Freundin der Familie. Die Bach-Choralmelodie gegen Schluß beruhigte und bot einen Ausweg aus der tragischen Stimmung; die zurückhaltende Klangfarbe der Holzbläser dabei war sehr schön. Endlich gegen Schluß des Adagios wurde der ganze Ausmaß der von Berg geschilderten Tragödie klar und Alyssa Park riß die Zuhörer mit.

Ein deutsches Requiem ist ein monumentales Werk für großes Orchester und Chor und besteht aus sieben längeren Sätze. Das Schwierigste bei der Aufführung ist, sowohl einen Bogen zu spannen, um dem Publikum das Stück in Gänze zugänglich zu machen, als auch immer wieder einzelne Passagen herauszustellen, um Höhepunkte zu markieren. Den jungen Musikern gelang dies nicht vollständig. Immer wieder gab es wunderschöne, klare Passagen, aber insgesamt war der Orchesterklang zu wenig differenziert. Und wenn man einzelne Instrumente heraushören konnte, so z.B. im zweiten Satz, wo Flöte und Harfe in Achteln zusammenspielen, war deren Begleitlinie unpassend gestochen scharf. Auch an bestimmten sorgfältig gespielten Stellen in den Streichern konnte man jeden einzelnen Ton der begleitenden Triolen hören, und wurde so vom großen Klang abgelenkt.

Bass-Bariton Dietrich Henschel war beeindruckend in der Übermittlung seiner traurigen Botschaft: "lehren Sie mich, meine Sterblichkeit zu akzeptieren". Hier gelang Rilling ein überzeugender Aufbau der Kontrapunktstellen quer über alle Ensemblemitglieder. Letizia Scherrer sang klar und perfekt gestimmt die sehr hohen Töne der Sopranarie "Ihr habt nun Traurigkeit"; sie besitzt ein leichtes, sehr angenehmes tiefes Vibrato und hat insgesamt einen schönen tragenden Klang.

Bei seiner Interpretation beider Stücke bewahrte Rilling eine ähnliche Grundstimmung: eine respektvolle Distanz, die in gediegenen Tempi resultierte. Bei manchen der langsameren Stellen, z.B. "Denn alles Fleisch es ist wie Gras", wurde ein so langsames Tempo gewählt, dass das Stück nicht richtig in Schwung kam. Auch wurde zum Beispiel ein sehr langes Crescendo über zwei Minuten hinweg bedächtig gestreckt: Es dauerte sehr lange bis zum Höhepunkt, aber dort war der Klang richtig saftig. Insgesamt waren die Ergebnisse der intensiven Arbeit mit dem Chor beeindruckender als die mit dem Orchester. Das Requiem bewegte sich mit einer gehaltenen Spannung von einer zauberhaft leisen Farbe zu einem schönen Höhepunkt bei "Hölle, wo ist dein Sieg!".



©www.klassik-in-berlin.de