08. April 2003
Staatsoper Unter den Linden

Ehrfurcht vor dem Meister

Programm

Johann Sebastian Bach
Choralbearbeitung Aus tiefer Not BWV 687

Auszüge aus "Die Kunst der Fuge" BWV 1080
Contrapunct IV, Canon, Contrapunct V, Contrapunkt VII, Canon, Contrapunct XI, Canon, Contrapunct XVIII (unvollendet)

Kantate Ich habe genug BWV 82

Mitwirkende

Mitglieder der Staatskapelle Berlin
Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin
Christine Schornsheim - Cembalo / Truhenorgel
Kwangchul Youn - Bass
Stephan Mai - Leitung

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Ehrfurcht vor dem Meister

Von Nancy Chapple

Eine beeindruckende Menge von gut 300 Zuhörern sammelte sich im Apollosaal der Staatsoper, um acht Kompositionen aus Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge eingerahmt von einer Choralbearbeitung und einer Kantate anzuhören. Die Instrumentalisten waren Mitglieder sowohl der Staatskapelle Berlin als auch der Akademie für Alte Musik Berlin, Gastsänger Baß Kwangchul Youn, Ensemblemitglied an der Staatsoper. Die musikalische Leitung des Abends war in den Händen des Akademie-Konzertmeisters Stephan Mai, seit Jahrzehnten aktiv als Barockviolinist auf der Berliner Szene.

Bei manchen Interpreten der Werke Bachs herrscht eine Ehrfurcht vor dem "Größten aller Meister": das Ergebnis sind etwas trockene, schwerfällige Aufführungen, bei denen die Musiker fast eingeschüchtert wirken. An diesem Abend war eine solche Ehrfurcht an vielen Stellen zu spüren: in der Programmreihenfolge, in der Tatsache, dass das Publikum nur nach jeder Gesamthälfte zum Beifall geladen wurde, in der Religiosität der einrahmenden Werke Aus tiefer Not und Ich habe genug und auch in den zum größten Teil getragenen Tempi der einzelnen Contrapuncti und Canons.

Die Kunst der Fuge, in der Johann Sebastian Bach am Ende seines Lebens genial aber nicht kopflastig alle erdenklichen kontrapunktischen Möglichkeiten eines Themas ausprobierte, läßt viel interpretatorische Freiheit zu, da aus der Partitur nicht klar hervorgeht, für welche Instrumente er das Werk schrieb. Bei dieser Aufführung wurden drei Canons auf dem Cembalo mit der dem Instrument naheliegenden Agogik und etwas zusätzlicher rhythmischen Freiheit gespielt - eine unbefriedigende Lösung, da sich die Canonstimmen kaum differenzieren ließen. Auch der komplexe Contrapunctus VII (Gegenfuge, Thema variiert in drei verschiedenen Wertgrößen) - der bestimmt spannender vom ganzen Ensemble hätte gespielt werden können - wurde von Christine Schornsheim auf Cembalo mit einem Verdoppelungseffekt durch Geige oder Bratsche in den langen Notenwerten allein gespielt. Es gab keinen Dirigenten: Stephan Mai leitete die Gruppe (allesamt im Stehen) von seiner Position als Konzertmeister mit viel Gestik und ansteckender Begeisterung aus. Das Ensemble bot manche Gelegenheiten, eine selten herauszuhörende tiefe Stimme besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Leider waren an manchen Stellen die 1. Violinen untereinander etwas verstimmt. Am musikalisch befriedigendsten waren Contrapunctus XI, wo die Tripelfuge klar herauszuhören war, und die unvollendete letzte Fuge.

Die abschliessende Kantate BWV 82 mit dem getragen gesungenen Ich habe genug und dem munteren Ich freue mich auf meinen Tod wurde im Hinblick auf den religiösen Sinn des Textes am Ende des Programms gespielt: am Schluß eines langen, produktiven Lebens freut sich der gläubige große Musiker auf die Wiederkehr zu seinem Gott. Das Stück konnte man auch rein musikalisch genießen: die wunderschöne durchkomponierte Arie für Baß und Oboe, das die Solisten wie ein integrierter Klangkörper unterstützendes Orchester, das glatte, samtene Legato und die schön gestützte Phrasen der großen Stimme des Baß Kwangchul Youn.



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