20. Oktober 2002
Musikinstrumenten-Museum Berlin

Nachwuchspianist Cédric Pescia spielt Beethoven und Bach

Programm

Ludwig van Beethoven
Sonate E-Dur Opus 109

Richard Wagner/Franz Liszt
Isoldes Liebestod aus Tristan und Isolde

Johann Sebastian Bach
Aria mit 30 Veränderungen ("Goldberg-Variationen")

Mitwirkende

Cédric Pescia, Klavier

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Nachwuchspianist Cédric Pescia spielt Beethoven und Bach

Matinéekonzert im Berliner Musikinstrumenten-Museum

Von Nancy Chapple

Pescia

Etwa 140 Zuhörer waren neugierig, einem Matinéekonzert im Berliner Musikinstrumenten-Museum an einem Sonntag beizuwohnen. Die Matinée war ein 30-jähriges Jubiläumskonzert der Gotthard-Schierse Stiftung, einem gemeinnützigen Verein zur Förderung Berliner und Brandenburger Nachwuchsmusiker. In diesem Sommer gewann Césare Pescia, ein von der Stiftung unterstützter Student, einen der bedeutendsten Klavierwettbewerbe der Welt: Den Gina Bachauer Wettbewerb in Salt Lake City, USA. Als Mitglied der Klavierklasse Professor Klaus Hellwigs an Berlins Universität der Künste steht Pescia noch kurz vor seinem Konzertexamen. Mit dieser Aufführung stellte er sich der breiten Berliner Öffentlichkeit.

Der Gesamteindruck seines Auftritts war der eines noch jungen, scheuen Pianisten. Pescia begann mit Ludwig van Beethovens Sonate Op. 109 in E-Dur: Er spielte sehr klar, poetisch, wenn auch nie versponnen, notengetreu. Das Thema des Andante interpretierte er aüßerst gemächlich und getragen. An einigen Stellen, z.B. bei der zweiten und vierten Variation, hörte man die musikalische Persönlichkeit des sonst schüchternen Pianisten aufflammen. In der fünften Variation hörten wir ein hartes, hämmerndes Forte, etwas abrupt und unangenehm; dieses Forte gab es auch in der sechsten und letzten Variation, wo Triller und Tonleiter der linken Hand sehr penetrant waren. Er schloss die erste Hälfte mit Wagner/Liszts Liebestod ab, formvollendetes, leuchtendes Spiel mit klarer Phrasierung. Die Zuhörer waren überzeugt.

Gespannt war ihre Rezensentin auf die zweite Hälfte: Eine Aufführung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Mit diesem Stück hatte Pescia der Pressemitteilungen nach den Wettbewerb gewonnen. Überrascht hat sogleich die Aria mit dem Horowitzschen Manierismus, einer winzigen Verzögerung zwischen linker und rechter Hand. Es ist eine große Versuchung, die schnellen Variationen so schnell zu spielen wie man nur kann, so wie in Glenn Goulds Aufnahme aus dem Jahr 1957. Dies tat auch Pescia, wobei das Klavierspiel dabei so durchschaubar klar blieb, dass keine der polyphonen Stimmen darunter litt. Aber der Schwerpunkt verlagerte sich auf die pianistische Virtuosität: wird er es in diesem atemberaubenden Tempo schaffen? Bei manchen Variationen, z.B. Nummer 7, einer Giga, waren die punktierten Notenwerte kurz und fast schroff, etwas unangenehm für den Hörer. Da ist der moderne Steinway doch gnadenlos ehrlich, wo ein Cembalo nicht ganz so abrupt klingen würde. Eigenwillig wäre das Wort für manche dynamische Entscheidungen: mitten in einer steigenden Sequenz von drei wiederholten Phrasen war die zweite plötzlich leiser durch Einsatz des una corda-Pedals. Da fragte sich die Rezensentin, ob dies so viel mit Bachscher Intentionen zu tun hatte, oder eher das Ergebnis einer Wettbewerbs-getriebenen Entscheidung war. Gelegentlich hat Pescia das Tempo über die ganze zweite Hälfte einer Variation hinausgezögert, nicht nur bei der abschließenden Kadenz.

Variation 25 ist die längste, wohl auch die am langsamsten zu spielende Variation des ganzen Stücks, und Pescia hat sie wirklich sehr getragen mit durchgehendem linken Pedal gespielt. Dabei ging die oft schmerzhafte Spannung der Baß- und Tenorstimmen in der linken Hand einfach unter. Als interpretatorischer Kern des Stücks kam sie doch etwas blaß vor. Die letzte Variation, das Quodlibet, interpretierte er in ungewöhnlicher Manier: Voller Sturm und Drang, mit doppelten dem Orgelklang nachgeahmten Bass-Stimmen und viel rhythmischer Energie. Das sostenuto-Pedal hat er durch das Werk hindurch eingesetzt, um bei längeren Notenwerten den Ton anzuhalten. Nur an ein paar Stellen wurden dabei zwei Mittelstimmen leicht verwischt. Eine Frage bei diesem Stück ist immer: Wirken die Aria, 30 reichhaltigen Variationen und nochmals Aria wie aus einem Guss? Dies war hier der Fall, da es eine interpretatorische Richtung durch das ganze Stück gab.

Zum ganzen Konzert kann man sagen, dass jede Phrase schön abgerundet wurde, keine Töne unangenehm herausragten, das Spiel nach Gedächtnis perfekt saß. Noch fehlt aber die fesselnde musikalische Persönlichkeit, das Visionäre.



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