16. November 2002
Staatsoper Unter den Linden

NOS - Die Nase

Programm

Nos
Oper von Dmitri Schostakowitsch
In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2 h 00' (ohne Pause)
Premiere am 16. November 2002
(rezensierte Aufführung: 08.02.2003)

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Kent Nagano (musikalische Leitung)

Solisten
Sten Byriel/Tomas Möwes (Kollegienassessor), Hanno Müller-Brachmann, Jeffrey Francis, Mikael Babajanyan, Stephan Rügamer, Fabrice Dalis, Uta Priew, Carola Höhn, Uta Priew, Adriane Queiroz, Alexander Vinogradov, Bernd Zettisch, Gerd Wolf, Yi Yang, Peter Menzel, Magdalena Hajossyova, Reiner Goldberg

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"Weltnase": Jörg Immendorff trifft Nikolai Gogol und Dmitri Schostakowitsch

Von Nancy Chapple

Seit einigen Wochen spielt Dmitri Schostakowitschs Oper Nos aus dem Jahre 1928 in einer neuen Produktion an der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Bei der Lektüre Gogols 1836 entstandener Novelle fragt man sich: was muß der Autor wohl gedacht haben, als er absurde Ereignisse aneinanderreihte wie andere Autoren erst hundert Jahre später? Eine zeitgemäße Interpretation dieses Werks setzt nicht mehr indirekte Ausdrucksmittel ein, sondern verarbeitet explizit die aufgeworfenen sexuelle Fragen. Wer denkt auch nicht sofort an Entmannung, wenn ein Mann eines Morgens aufwacht und zu seinem Entsetzen feststellt, dass ihm die "Nase" fehlt? Seine ganze Identität ist verloren, er möchte lieber sterben, als "ohne" weiterzuleben.

Die Hauptrolle, Platon Kusmitsch Kowaljov, wurde an diesem Abend (dem 26. November) geteilt, da der Sänger Sven Byriel an den Stimmbändern erkrankt war: Byriel hat gespielt und Tomas Möwes gesungen. Die Rolle wäre auch in kürzester Zeit schwer erlernbar, da Kowaljow pausenlos in Bewegung ist. Die Staatskapelle saß auf der vorderen Hälfte der Bühne, kostümiert in goldfarbenen "Spaceman"-Anzügen mit Kopfhauben. Die Musiker wurden umringt und durchdrungen von den Schauspielern.

Die Musik der Oper ist nicht sofort zugänglich. Trotz einiger schönen Stellen bleiben andere nicht lange in der Erinnerung. Sprechgesang, leicht ironische Umarbeitungen von Marsch- und Tanzmusik und komplexe instrumentale Passagen wechseln ab. Das Orchester unter Kent Nagano hatte die komplexe Partitur voll im Griff und sichtlich Spaß daran, teilweise ins Spiel mit einbezogen zu sein.

Jörg Immendorffs Bühnenbild und Kostüme prägen das Stück. Hier wird alles interpretiert, ausgelegt, nichts stellt nur sich selbst dar. Oft sind die inszenierten Bilder spannend, wenn auch ins Manierierte neigend, gelegentlich weniger effektiv. Eine sehr spannende Szene fand in der Zeitungsredaktion statt, wo Kowaljow sich vergeblich bemüht, eine Anzeige wegen verlorengegangener Nase abzugeben. Alle Redakteure werden zu sensationsheischenden Bildjournalisten, jeder mit einem immensen phallischen Fotoapparat vor dem Bauch. Für das Publikum nicht sichtbar öffnet Kowaljov auf der Suche nach Mitgefühl seinen Anzug, um zu zeigen, was er nicht hat: "Die Stelle ist absolut glatt, als wäre sie ein frisch gebackener Pfannkuchen". In einem anderen Bild sind Kritikerzitate zu anderen Aufführungen Immendorffs groß auf der hinteren Bühnenwand zu sehen, rot auf schwarz und schwarz auf rot. Die intensiven Farben passen gut zu der Szene des Briefwechsels, musikalisch umgesetzt in einer komplexen Fuge. Aber die tatsächlichen Zitate vom Stern und Spiegel scheinen überflüssig. Im Verlauf des Abends wird alles noch extremer: 10 Fußballspieler in knallgrünen Shorts und Fußballschuhen lungern herum und geben den Männerchor.

Das Stück enthält viele Rollen, und diese Anforderung wird auch als Grund für die seltenen Aufführungen mit angegeben. Fast alle wurden schön gesungen. Besonders herausragend waren Carola Höhn in der Rolle der Tochter von Podtotschina und die Brezelverkäuferin, gespielt von Adriane Queiroz.

Fazit
Spannendes Theater und schöne Stimmen bei einer gewagten Interpretation von Schostakowitschs selten gespielter Oper Nos.



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