09. November 2002
Philharmonie Berlin

Ein zunehmend atmosphärischer Abend bei den Berliner Philharmonikern

Programm

Igor Strawinsky
Symphonie in drei Sätzen

Karl Amadeus Hartmann
Concerto funebre für Solovioline und Streichorchester

György Ligeti
Requiem

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Leitung: Jonathan Nott
Caroline Stein, Sopran
Margriet van Reisen, Mezzosopran
Toru Yasunaga, Violine
London Voices, Choreinstudierung:Terry Edwards

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Ein zunehmend atmosphärischer Abend bei den Berliner Philharmonikern

Werke des 20. Jahrhunderts und ein herausragender Solist

Von Nancy Chapple

Drei Stücke des 20. Jahrhunderts wurden von den Berliner Philharmonikern unter dem Gastdirigenten Jonathan Nott präsentiert. Das größtenteils konservative Publikum war nur zum Teil offen für György Ligetis Requiem. Die Stimmung reichte von Kopfschütteln bis zu begeistertem Applaus. Die Stücke der ersten Hälfte waren wohl leichter zu verdauen, wenn auch fest im 20. Jahrhundert verankert.

Im Programmheft wurde Strawinskys musikalisches Ideal zitiert: "trocken, kalt, klar und feurig wie ein extra-dry Champagner." In diesem Sinne ließ die Interpretation der Symphonie in 3 Sätzen am Samstag Abend einiges zu wünschen übrig, da die Musik nicht sprudelte und zischte. Der Rhythmus war nicht immer präzis. Besonders fiel dies im Con moto-Satz auf, in dem die Instrumentengruppen in leicht verschiedenen Tempi anfingen. Die größere Struktur war doch durch klar abgegrenzte Abschnitte deutlich zu erkennen. Das Klavier gestaltete das Stück mit und verlieh dem Ganzen den gewünschten kalten, beherrschten Klang. Insgesamt fiel es schwer, sich von der Musik mitreißen zu lassen.

Das Hartmann-Violinkonzert hat zu unrecht bisher keinen festen Platz im Konzertsaal. Hartmann wollte die verzweifelte Stimmung nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Warschau vermitteln. Hier gelang es dem Orchester und ganz besonders Toru Yasunaga - seit 1983 Erster Konzertmeister der Philharmoniker - die Intention des Komponisten umzusetzen. Yasunaga spielte energisch, klar, lyrisch, mitreißend. Fast schien er in Zusammenarbeit mit dem Orchester das Stück zu gestalten mehr als dass der Dirigent das Ganze prägte. In den ersten zwei Sätzen gibt es keinen echten Dialog zwischen Solisten und Orchester: letzteres unterstreicht und interpunktiert ein Geigenmonolog. Im Allegro di molto hat das Orchester etwas "gemauschelt" - die Streicher spielten undeutlich und leicht verstimmt. Manche Stellen im schnellen Satz sind ziemlich schräg und schroff; Yasunaga hatte den Mut, diese voll auszuspielen.

Für einen Teil der Konzertbesucher war das Ligeti-Requiem die eigentliche Zugnummer. Ligeti hat nur drei der (je nach Definition) bis zu zehn Teilen des Messerequiems gesetzt: Introitus, Kyrie und Dies Irae (in De Die Judicii Sequentia und Lacrimosa eingeteilt). In dieser Form fühlt sich das Werk unvollständig an: äußerst schöner Aufbau am Anfang, dynamischer, spannungsgeladener Höhepunkt in De Die Judicii Sequentia, relativ abrupter Schluß im Lacrimosa. Im langen, sehr leisen Introitus singt der Chor a capella sehr leise in sehr engen Intervallen. Leise setzt auch das Orchester mit tiefen Instrumenten ein, u.a. Kontrafagott und Kontrabasstuba. Leider wurde der Genuß durch die Hustereien Vereinzelter erschwert. Die Kyrie besteht aus einem riesigen Crescendo; auch die lauten Klänge setzen nicht plötzlich ein, sondern entstehen organisch aus dem gesamten Klangbild. Die zwei Solistinnen meisterten mit absoluter dynamischen Präzision und überzeugend die sehr schweren große Sprünge.

Ligeti sagt selbst, dass er in seinem Stück die Grenzen des Aufführbaren abtasten will, und tatsächlich sind manche Stellen an der Grenze des Erträglichen. Das Lacrimosa schließt mit engen und sogar wieder süßen Intervallen ab, ein ruhiges Ende zur ganzen Aufregung. Bei diesem komplexen Stück hatte Nott alle Fäden in der Hand, er wirkte souverän und konzentriert.



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