März 2004

"It's all science fiction"

Daphnis et Chloé im Rahmen des Zukunft@BPhil-Projekts der Berliner Philharmoniker

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"It's all science fiction"

Daphnis et Chloé im Rahmen des Zukunft@BPhil-Projekts der Berliner Philharmoniker

Von Nancy Chapple / Fotos: P. Adamik

zukunft@bphil

Als Simon Rattle die Position des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker übernahm, hat das renommierte Orchester ein Education-Programm ins Leben gerufen. Auf der Pressekonferenz zur Zukunft@BPhil erzählte Rattle von der neuen Mission: möglichst vielen gesellschaftlichen Kreisen in Berlin eine Gelegenheit zu geben, Kunst zu erfahren, das heißt Kunst nicht nur ausgesetzt zu sein, sondern selbst Kunst zu machen.

Ein Bassist der Philharmoniker sagte zu Simon Rattle, "unser Publikum wird nicht weniger, aber doch körperlich kleiner" - also älter. Rattle warnt davor, zu erwarten, dass in dem man "Saatgut an die Kinder wirft", es zwangsweise mehr jüngere Leute im Publikum geben würde - so direkt sei die Verbindung nicht. Aber die Erfahrung aus England, wo alle Orchester in Education-Arbeit eingebunden sind, hat gezeigt, dass es auch einen Wandel im Leben der Orchestermusiker bewirkte. Überraschend für ihn sei, welche der Orchestermitglieder die größte natürliche Begabung bei der Arbeit mit den Kindern aufwiesen.

Für den Leiter des Education-Teams, Richard McNicol, ist das Ziel, die Kinder "in die Musik zu verwickeln". Choreographin Susannah Broughton - für das Ravel-Programm am 23. Februar zum größten Teil für den erkrankten Hauptchoreographen Royston Maldoom eingesprungen - betonte, dass nachdem sich die Kinder zu einem Musikstück bewegt hätten, sie eine tiefe und immanente Beziehung dazu bekämen. Gefragt nach Disziplinproblemen unter den 220 Tänzern meinte Broughton, dass es zwar in der Gruppe etwa 10-20 Jugendliche gegeben hätte, die anfängliche Probleme damit hatten - "herausfordernde Persönlichkeiten, die immer die Grenzen hinausschieben wollen" - dass sie aber von ihren Altersgenossen selbst gemaßregelt wurden. Disziplin fand innerhalb der Gruppe statt.

zukunft@bphil

Bei der Wahl von Ravels Daphnis et Chloé für dieses Projekt war fraglich, ob das Stück genauso gut wie Le Sacre du printemps im Winter 2003 ankommen würde, da es viel leiser und sanfter sei - aber es gab keine negative Reaktionen. Rattle betonte, dass es für die Schüler letztendlich egal sei, ob sie zu Stravinsky, Ravel oder Beethoven tanzten: "It's all science fiction for them."

Zur Aufführung selbst: beeindruckend das mehrsprachige Programmheft mit Zitaten von Teilnehmern auf Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch, Arabisch, Spanisch und Kurdisch - das sonst etwas steife vorgegebene Format der Philharmoniker-PR wurde dadurch durchbrochen. Auch wegen der schwachen Beleuchtung am Eingang war den Andrang vor den Toren der Treptower Arena eher wie bei einem Rockkonzert. Bei kaum einen Anlass in Berlin sieht man so eine Publikumsmischung: türkische Familien einschließlich Großmütter, bürgerliche Berliner Familien, toughe Teenies. Obwohl das Stück vier Tage vorher in der Philharmonie in den Klangfarben beeindruckte, war die Struktur der wiederkehrenden Themen durch die Tanzaufführung noch leichter wahrzunehmen. Fast alle Bewegungsabläufe wurden von ganzen Gruppen aufgeführt - man bewunderte nicht die Grazie einzelner Tänzer, sondern den Gesamteffekt. Die Kostüme, von Erstsemestlern des Studiengangs Kostümbild an der Universität der Künste entworfen und genäht, waren in bunten Farben und grazil. Nach einer anfänglichen Enttäuschung in den "farblosen Prototypen" waren die Kinder begeistert von den richtigen Farben.

Das letzte Projekt der laufenden Saison wird ein Partnerschaftsprojekt mit der Gemeinde Berlin-Buch sein: Belsazars Fest basiert auf Händels Oratorium Belsazar. Eingebunden werden alle Bucher Schulen, Chöre, Seniorenheime, Krankenhäuser und die Schlosskirche. Rattle kündigte an, dass in der nächsten Saison neben der laufenden Zukunft@Bphil-Arbeit in den Schulen zwei Aufführungen von Stravinskys Feuervogel mit dem Orchester vorgesehen sind.

education@bphil



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